Rundungen unter der Hülle

„Das geht nur mit Metall“, waren sich die Architekten sicher. Mit der Beratungskompetenz und dem besonderem handwerklichen Geschick des Spenglermeisters Gregor Bless entstand eine außergewöhnliche Gebäudehülle mit 250 Rundungen.

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Drei Jahre Planung haben sich gelohnt Architekt und Spenglermeistern schufen ein kubisches Bauwerk mit einer hochwertigen Metallhülle – einschließlich des Daches – das kein Niederschlagswasser sammelt sondern sicher ableitet. Alle Fotos: Bless AG

Gut Ding will Weile haben. Diese Lebensweisheit traf auch auf ein besonderes Wohngebäude zu, das in dem wunderschönen Tessiner Ort Mendrisio errichtet wurde. Rebenüberwucherte Hügel in unmittelbarer Nachbarschaft in der südlichsten Ecke der Schweiz bieten nicht nur den Bewohnern ein ebenso besonderes mediterranes Flair, sondern auch den Besuchern der historischen Stadt, die bereits im achten Jahrhundert das erste Mal erwähnt wurde. Ganz im Gegensatz zum historischen Altstadtkern brachten die Tessiner Architekten Dong Joon Lee und Melanie Stocker Lee moderne Architektur in den Ort – und dies sehr bewusst. Mit Ihrer Gestaltungsidee traten sie bereits drei Jahre vor dem ersten Spatenstich an die Spenglerei Bless AG heran und entwickelten mit dem erfahrenen Meisterbetrieb nach und nach viele Details und viele Lösungen, bis die Baureife des Projekts gegeben war. An 1:1 Modellen konnten Ideen probiert, veranschaulicht, verworfen, optimiert und am Ende umgesetzt werden – denn nicht immer passten die optischen Wünsche und die spenglertechnisch fachgerechten Lösungen 1:1 zusammen. Doch am Ende waren alle am Bau Beteiligten zu 100 Prozent mit dem Arbeitsergebnis zufrieden.

 Linien, Rundungen und Kanten

„Das fertiggestellte Gebäude wirkt klar, präzise und ist bestens abgestimmt auf die Umgebung. Nur Glas, wenig Beton und viel Metall sind, Ton in Ton für das Auge des Betrachters sichtbar – die bis auf wenige Meter an das Gebäude reichenden Weinreben stehen im gewünschten Kontrast zu der grauen Gebäudehülle. Die Linien und Kanten sind kompromisslos durchgezogen, kein Dachrand ragt über den Beton heraus, keine einzige Befestigung ist sichtbar, sogar die Decke des Carports ist mit schützendem Metall bekleidet. Das Ganze ist formvollendet und bis ins kleinste Detail durchdacht“, so das Statement der Jury der Goldenen Spenglerarbeit, zu der dieses schöne Projekt eingereicht wurde.

Die Architekten folgten zwar dem Trend einer kubischen Bauweise, jedoch sind alle oberen und unteren Fassadenabschlüsse mit kleinem Radius gerundet. Die Fassade, angefertigt im handwerklichen Winkelstehfalzsystem, geht fließend in das Dach über und endet fließend im Kiesbett. Mit Ausnahme einer Dachterrasse sind alle anderen Dachbereiche ebenfalls mit Metall gedeckt - die Architekten haben mit Spenglermeister Bless dafür gesorgt, dass das Niederschlagswasser schnell den Baukörper verlässt; und dafür ist ein Dach ja auch schließlich da.

Fenster im Raster

Die Besonderheit bei dem 27 Meter langen Baukörper ist die dreigliedrige Bauweise. Das Gebäude ruht auf zwei Sockeln und ist mit einem freitragenden Mittelteil verbunden. Der offene Bereich zwischen den Bauteilen dient als Carport für die Fahrzeuge der Bewohner - eine architektonisch interessante und sicher auch wirtschaftlich gute Idee, da auf eine Tiefgarage oder Parkplätze auf dem Grundstück verzichtet werden konnte. Zudem stehen die Fahrzeuge stets geschützt und sind immer gut belüftet - bauphysikalische Probleme gibt es mit dieser „Garage“ nicht. Der Zugang zu den Wohneinheiten erfolgt ebenfalls von hier aus. Im Bauteil mit dem Eingangsbereich sind Garderobe und Gästezimmer angeordnet, in den weiteren Ebenen liegen die mit Licht durchfluteten Wohnbereiche. Hierfür sorgen die nahezu vollständig verglasten Kopfseiten und die zahlreichen angeordneten Fenster in den seitlichen Fassadenflächen. Und genau hier zeigt sich bereits die hohe Qualität der Metallarbeiten. Die Lage der Fenster mit unterschiedlichen Abmessungen ist exakt dem Scharenraster von 500 mm der Winkelstehfalzfassade angepasst. Es gibt drei Fensterbreiten: 500, 1000 und 1500 Millimeter. Hierbei bilden die vertikalen Winkelstehfalze gleichzeitig die Linie der Fensterleibungen.
Doch bevor sich alle über das Arbeitsergebnis freuen konnten, gab es für das Team der Firma Bless AG eine Menge zu tun. Das Familienunternehmen wurde 1944 gegründet und beschäftigt zurzeit 16 Fachangestellte. Georg Bless übernahm in der zweiten Generation das Geschäft - mittlerweile ist mit Gregor und Valentin Bless schon die dritte Generation am Ruder des ISO-9001-zertifizierten Fachbetriebes für Spengler und Dachdeckerarbeiten.

Na

ch der Abnahme aller Details, die per CAD und am Modell geplant und präsentiert wurden, erfolgte vor Ort zunächst der Aufbau der der Dach- und Fassadenkonstruktion. Auf die innen sichtbare und lasierte Beton-Außenwand verlegte das Bauteam eine spezielle, 200 mm dicke Fassadendämmung für hinterlüftete Unterkonstruktionen aus Polystyrol-Hartschaum mit Graphit-Zusatz. Sie besitzt Nut und Feder und ermöglicht eine nahezu wärmebrückenfreie Verlegung. Hierauf, bis in den Untergrund befestigt, ist eine Lattung 50/30 mm zur Sicherstellung des Lüftungsquerschnitts sowie eine 27 mm dicke Holzschalung als Deckunterlage angeordnet. „Um eine filigrane Einfassung der zahlreichen Fenster zu ermöglichen, haben wir bereits in der Unterkonstruktion für eine Querlüftung gesorgt und die Konterlattung unmittelbar unterhalb der Fenster ausgespart. So konnten wir auf eine Entlüftung im Bereich der Fensterbänke und hiermit auf eine breite Abkantung als Überdeckung der Lüftungsschlitze verzichten“, erklärt Gregor Bless.

Der Dachaufbau erfolgte ebenfalls als hinterlüftete Konstruktion, wobei aufgrund der geringen Dachneigung von ca. 7 Grad und der geringen Sparrenlänge eine Querlüftung von Traufe zu Traufe (ca. 6 m) umgesetzt werden konnte. Vorteil hierbei war, dass auf einen aufwendigen und aufgrund der Größe architektonisch nicht gewünschten Lüfterfirst verzichtet werden konnte. Als Dachschichten kamen eine Dampfbremse, eine zweiteilige Dämmschicht aus Gefälledämmung und trittfester PU-Dämmung mit Alukaschierung zur Ausführung auf die eine selbstklebende Dichtungsbahn verlegt wurde. Sie übernimmt die Funktion des wasserdichten Unterdaches. Anschließend folgten eine 60x60 mm Lattung, die Dachschalung eine Drainschicht aus Wirrgelege für die Metalldeckung.

Spannungsarm fertigen

Die Bless AG verfügt über eine vollständig ausgerüstet Produktionsstätte mit einem modernen Maschinenpark für die Blechbearbeitung. Hierzu zählen Langabkantmaschinen bis 6,40 Meter, Quer- und Längsteilanlagen sowie Rollformer und zahlreiche Kleinmaschinen, die sehr flexibel und zum Teil auch auf der Baustelle eingesetzt werden können. Hiermit ist das Unternehmen in der Lage, auch unvorhergesehene Bausituationen schnell und fachgerecht und mit optisch bester Qualität zu bewerkstelligen – ohne besondere Wartezeiten und Abhängigkeiten. Beste Qualität war auch die Anforderung an die nicht alltägliche Metallhülle des Zweifamilienhauses - dies zeigte sich schon bei der Wahl der Metalloberfläche. So entschieden sich die Architekten für blaugrau vorpatiniertes Titanzinkblech mit einer werkseitig aufgebachten transparenten Schutzschicht (Fabrikat: „Rheinzink Protect blaugrau“). Sie schützt die Oberfläche in ihrer natürlichen Erscheinung und Maserung über einen langen Zeitraum. Das Material wird vom Hersteller stets mit einer Schutzfolie geliefert, die gleich nach der Montage entfernt wird. Als Verbindungstechnik kam das Winkelstehfalzsystem zu Ausführung. Um eine möglichen Wellenbildung auf ein Minimum zu reduzieren wurde im Fassadenbereich 0,8 mm dickes Titanzinkblech verwendet. Am Dach genügte 0,7 mm dickes Material.

Sämtliche Fassadenprofile wurden auf Grundlage eines vorgegebenen Rasters, das in die eigene CAD Planung übernommen wurde, maschinell in der Werkstatt montagefertig hergestellt. Die Bleche haben die Spengler vor dem Biegen und Profilieren in der Spaltanlage Längs- und Quer zugeschnitten, richtgestreckt und ausgeklinkt um eine höchstmögliche Planebenheit zu erzielen. Auf der Grundlage des 1:1 Modells rundeten sie exakt auch die etwa 250 Teile der oberen und unteren Fassadenabschlüsse. „Die Besonderheit hierbei war: Der Radius dieser Rundungen beträgt lediglich 280 mm. Mit den handelsblichen Rundbogenmaschinen lässt sich jedoch nur ein Mindestradius von 600 mm realisieren. So mussten wir uns einige Tricks einfallen lassen, um diesen engen Radius und zudem in derselben Qualität herstellen zu können“, schildert Gregor Bless lächelnd, ohne zu verraten, wie er das Problem löste. Für den sicheren und verwindungsfreien Transport der Profile zur Baustelle sorgte die Firma Bless mit speziellen Transportboxen.

Montage nach Plan

Um schnellstmöglich den notwendigen Witterungsschutz herzustellen erfolgten im ersten Arbeitsschritt die Dachdeckungsarbeiten der Metalldächer und Flachdachabdichtungen der Terrassen. Die Besonderheit an der Metalldeckung ist, dass die Schare in einer Länge über den Firstknick verlegt wurden. Auch dieser Knick ist in Werkstattarbeit vorbereitet. Im Bereich des Firstes mussten Winkelfalze hierfür zunächst geöffnet und die gesamte Aufkantung leicht niedergelegt werden. Anschließend wurde die Schar in der Segmentkantbank im Winkel des Firstknicks gekantet, der Falz mit einem Kraftformer gestreckt und hiermit wieder aufgestellt.

Um beim Start der Fassadenarbeiten die unterschiedlichen Schare dem Einbauort zuordnen zu können, wurden sie bereits bei der Fertigung gemäß der CAD-Planung gekennzeichnet. Auf die rohen Fassadenflächen übertrugen die Spengler die Scharaufteilung, einschließlich der Anordnung der Querfalze – dann konnte es losgehen. Herausforderung war, das Scharenraster der beiden Fassadenseiten quasi zu spiegeln; Ziel war es, die vertikalen Winkelstehfalze von der Straßenseite und von der Rückseite des Gebäudes an der Deckenbekleidung des Carports weiterzuführen. Lediglich an den durchlaufenden Zuluftöffnungen konnten geringe Toleranzen ausgeglichen werden. Dies ist den Dünnblechspezialisten in beeindruckender Weise gelungen. Ebenso wurden alle vielfach filigranen Details der An- und Abschlüsse oder Durchdringungen auf handwerklich sehr hohem Niveau ausgeführt, was sich auch im Gesamteindruck des Gebäudes zeigt. Die Lichteinfälle und die natürliche Bewitterung des Metalls unterstützen die Lebhaftigkeit des Fassadenbildes in jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter wirkt es etwas anders. So können sich die Bewohner täglich an einer neuen, spannenden Fassade erfreuen. Aufgrund der guten Vorplanung und des hohen Fertigungsgrades waren die Montagezeiten kurz, sodass das eingespielte Team das Bauvorhaben termingerecht fertigstellen konnte. Insgesamt verarbeitete die Bless AG für die gesamte Gebäudehülle 6,5 Tonnen Titanzink.

Für die Bereitstellung des Bildmaterials und der ausführlichen Baubeschreibung zu diesem schönen Projekt bedanken wir uns herzlich bei Spenglermeister Gregor Bless.

www.blessag.ch

www.stocker-lee.ch 


Letzte Aktualisierung: 02.11.2015