Gestaltungsebene Dach

Bei dem Umbau eines alten Bankgebäudes zu einem modernen Geschäftsgebäude nutzte Architekt Jörg Preckel das alltägliche Steildach als neue Gestaltungsebene. Eyecatcher ist jetzt eine Bleideckung mit spektakulären Rundgauben der Firma Hubert Plenter aus Münster.

Dachsanierung Münsters Gute Stube
Das neue Dach in Münsters Guter Stube mit den markanten Gauben ist jetzt die beutende Gestaltungsebene des Gebäudes. Foto: Siepenkort

Die historische Kaufmannstadt Münster mit aktuell 300.000 Einwohnern wird als das Wirtschafts-, Wissenschafts- und Dienstleistungszentrum Westfalens bezeichnet. Es gibt die Uni mit rund 36.000 Studenten, wichtige Gerichtsbarkeiten, Verwaltungseinrichtungen aber vor allem – eine wunderschöne und lebenswerte Innenstadt in der Handel, Märkte und der Tourismus blühen. Lebenswerteste Stadt der Welt darf sich Münster seit Oktober 2004 nennen, als sie als erste deutsche Großstadt beim LivCom-Award in Niagara/Kanada in der Kategorie der Städte mit 200.000 bis 750.000 Einwohnern den ersten Platz belegte. Im Gegensatz zu anderen Städten wurde die im zweiten Weltkrieg nahezu völlig zerstörte Innenstadt nach dem Vorbild der alten Giebelhäuser mit ihren Bogengängen aufgebaut und somit das historische Stadtbild wieder hergestellt. Heute sieht man diese Bogengänge nicht nur auf Erdgleiche, hinter denen sich schicke Läden präsentieren. Seit dem Spätsommer 2014 kann man Münsters Bögen auch am Dach eines umgebauten Bankgebäudes, am Ende der „Guten Stube“ dem Prinzipalmarkt, in unmittelbare Nähe des St. Paulus-Doms bewundern.

Früher nahm man das Gebäude der ehemaligen Dresdner Bank aus den 1960er Jahren kaum noch wahr – es präsentierte sich als Zweckbau mit einem grauen Ziegeldach. Als Passant lief man an einer langen „Mauer“ entlang, ehe man die schönen Geschäfte erreichte. Nach der Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank erwarb der münstersche Kaufmann Heinz Lohmann die Immobilie und gestaltete es mit Architekt Jörg Preckel zu einem modernen Geschäftshaus für Einzelhandels- und Büronutzungen um – sehr behutsam und in der Auseinandersetzung mit der umgebenen Architektur. Dabei hatten sie die besonders gute Idee, anstelle des alltäglichen Steildaches mit Dachsteinen, eine historische Deckung mit modernem Zuschnitt zu gestalten. Als Vorbild diente das alte geschwungene Bleidach des Westturms aus dem 18. Jahrhundert von Münsters Mauritzkirche. Mit dem Werkstoff, kam die Form: Spektakuläre runde Gauben zeichnen jetzt das Dach aus. Die Form erinnert an die Bögen der alten Giebelhäuser, die sich am besten mit weichem Blei formen lassen. Am Ende wurden es 30 Tonnen Walzblei, die in alter handwerklicher Klempnertechnik verarbeitet wurden.

Hinterlüftet konstruiert

Montage Leibungen
Heinrich Poggenborg montierte zunächst die in der Werkstatt vorbereiteten Leibungen und abschließend die Ortgangblenden. Foto: Siepenkort

Doch bevor mit den Dacharbeiten begonnen werden konnte, gab es für das Büro Pfeiffer Ellermann Preckel Architekten eine Menge zu tun. Bei Erhalt der äußeren Bestandsfassaden wurde das Gebäude nahezu entkernt und um zwei neue Dachgeschosse auf fünf Geschosse ausgebaut. Das neue Dach ist, anders als beim Bestandsbau, mit seiner 70 Grad Neigung jetzt die beutende Gestaltungsebene und eher eine Fassade. Denn der Firstabschluss ist jetzt als Dachrand ausgebildet und gleichzeitig Übergang zur Flachdachabdichtung des Obergeschosses. Die geneigten Dachflächen bestehen aus einer hinterlüfteten, wärmegedämmten Holzunterkonstruktion für die Aufnahme der Bleideckung – teilweise auf einem Traggrund aus Beton und teilweise auf Stahlträgern. Die Dämmung ist mit einer diffusionsoffenen Unterspannbahn abgedeckt und hiermit vor möglichem Flugschnee geschützt. Auch das Expandieren der Mineralwolle ist somit unterbunden, sodass der 40 Millimeter hohe Hinterlüftungsraum mit der Zeit nicht eingeengt werden kann. Die Befestigung der Bleideckung erfolgte auf einer 30 Millimeter dicken Holzschalung mit einer bitumenfreien Unterdeckbahn, die ein leichtes Gleiten der Bleitafeln ermöglicht und gleichzeitig als Behelfsdeckung während der Bauphase dient.

Klaus Siepenkort

Den ausführlichen Beitrag lesen Sie in Ausgabe klempner magazin 01.2014.

Letzte Aktualisierung: 19.12.2014