Denkmalschutz: Es ist vollbracht – die Sanierung des Turmhelms der St. Nicolaikirche in Lemgo ist abgeschlossen, die Gerüste sind gefallen. Rund 20 Tonnen Bleiplatten formte das Team der Firma Prange Klempnertechnik denkmalgerecht um die verdrehte mittelalterliche Holzkonstruktion.
Alles begann 2008 mit dem maroden Wetterhahn und seiner Achse, die sich nicht mehr drehte. Er wurde aufgearbeitet, neu vergoldet und zierte bis zur nächsten Gelegenheit für eine Neumontage die Wand des Kircheneingangs. Diese Gelegenheit ergab sich jedoch erst elf Jahre später im Rahmen einer Prüfung des Turmkreuzes. Hierbei wurde jedoch festgestellt, dass die Verbindung der Stahlkonstruktion mit dem Kaiserstiel aufgrund von Korrosion und Feuchteschäden am Holz keinen sicheren Halt mehr bot. Aus Sicherheitsgründen ließ die Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Nicolai die gesamte Bekrönung einschließlich Turmkugel mithilfe eines Mobilkrans aus 65 Metern Höhe abmontieren.
Dietlind Simon und Hans-Peter Beyer vom Architekturbüro DenkmalCheck erhielten von Dr. Lange als Bauherr den Auftrag, die Baukonstruktion des Kirchturms in Augenschein zu nehmen, Schäden zu kartieren und ein Sanierungskonzept zu entwickeln. Als Sachverständigenbüro bietet DenkmalCheck Serviceleistungen rund um das Denkmal an. Dabei steht der schonende Umgang mit Altbausubstanz in Bauschadensfragen und die Bauschadensverhütung beim Bauen im Bestand im Vordergrund. Bei speziellen Aufgaben ziehen Dietlind Simon und Hans-Peter Beyer auch entsprechende Fachplanungsbüros und Sachverständige des Handwerks hinzu.
Unzureichende Befestigung
Der im 13. Jahrhundert errichtete Turmhelm war nach historischen Überlieferungen 1660 bei einem Sturm einfach umgekippt und wurde bis 1665 wieder neu aufgebaut. Vermutlich aus statischen Gründen konstruierten die Zimmerleute den Turmhelm vom Übergang zum achteckigen Grundriss bis in die Spitze verdreht. Da die Holzkonstruktion bis auf den Bereich der Turmspitze noch intakt war, sollten zunächst nur die ersten sieben Meter abwärts überarbeitet werden. Inaugenscheinnahme durch DenkmalCheck vom Hubwagen aus ließ keine weiteren massiven Schäden der alten Bleideckung erkennen. Verschiedene Fehlstellen sollten durch Reparaturmaßnahmen beseitigt werden. Eine vermeintlich „kleine“ Maßnahme war jedoch vom Mobilkran aus nicht möglich, sodass ein Arbeitsgerüst erstellt werden musste. Bei der Demontage der ersten Bleitafeln durch die beauftragte Prange Klempnertechnik GmbH fiel Klempnermeister Frank Henke deren mangelhafte Befestigung auf. Daraufhin erfolgte die Erstellung eines Schadensgutachtens und Sanierungsplans des hinzugezogenen Sachverständigen und Fachplaners für das Klempner-/Spenglerhandwerk.
Jedoch war auch eine „kleine“ Maßnahme nicht vom Mobilkran aus möglich, sodass ein Arbeitsgerüst erstellt werden musste. Mit dem Baustart zogen Dietlind Simon und Hans-Peter Beyer von DenkmalCheck auch auf Anraten der mit den Bleiarbeiten beauftragten Prange Klempnertechnik GmbH einen Sachverständigen für das Klempner-/Spenglerhandwerk hinzu. Denn bei der Demontage der ersten Bleitafeln fiel Klempnermeister Frank Henke deren mangelhafte Befestigung auf, was sich bei genauer Prüfung auch bestätigen sollte.
Von der kleinen zur großen Lösung
Der etwa 30 m hohe Turmhelm war als Tafeldeckung mit 2,5 mm dicken Bleiblechen gedeckt. Die Anordnung der Bleitafeln mit den Regelabmessungen ca. 60 cm (B) × 85 cm (L) erfolgte im Halbversatz. Als Befestigungsgrund/Deckunterlage war ein eine 25 mm Eichenschalung angeordnet. Die Längsverbindung der Bleitafeln erfolgte mittels sogenanntem „Kleinen Hohlwulst“ (früher: doppelt stehender Falz). Bei der ergänzenden Überprüfung der Deckung unterhalb der Turmbekrönung wurde festgestellt, dass die Befestigung der Bleitafeln nur in den Querverbindungen, nicht jedoch innerhalb der Hohlwulste erfolgte. Die Ausführung der Querverbindungen erfolgte teilweise mit aufgenagelten Bleihaften, jedoch größtenteils ohne Haften bei lediglich einreihiger Nagelung. Die verwendeten ungeschützten Nägel waren überwiegend stark korrodiert. Aufgrund der unzureichenden Befestigung wurden seit der Erstdeckung 1957 zwei Sanierungsmaßnahmen durchgeführt. Die provisorischen Sturmsicherungsmaßnahmen erfolgten an den Querverbindungen mittels Dichtungsschrauben. In vielen Bereichen traten die Schrauben aus der Schalung aus und boten keinen ausreichenden Halt mehr. Flatterbewegungen bei Windeinwirkung konnten bald zum Abtrag zahlreicher Bleitafeln führen. Zudem ließen die Verschraubungen in den Querverbindungen keinerlei Dehnungsbewegungen der überdeckenden Bleitafeln im Querfalz zu; das weiche Bleiblech über der Fixierung wölbte sich auf. An Übergängen von der Quer- zur Längsverbindung entstanden Risse durch Flatterbewegungen und thermische Längenänderung der Bleitafeln in Querrichtung. Eine Neudeckung war aufgrund des Schadensbildes nun unumgänglich und der Auftrag für die Firma Prange dementsprechend erweitert.
Denkmalgerechte Neudeckung
Viele Kirchen und Kathedralen wurden seit Jahrhunderten mit Walzblei vor Witterungseinflüssen mit Sturm und Regen geschützt. Hierzu zählen exponierte Dächer, Mauerabschlüsse oder Gesimse. Besonders im Denkmalschutz eignet sich Walzblei besonders gut, weil der Werkstoff das Gebäude überleben kann, sofern er ordnungsgemäß verarbeitet wurde. Die Befestigung von Walzblei auf der Unterkonstruktion des Daches muss nicht nur die Windlasten, sondern auch das im Vergleich zu anderen Metallen besonders hohe Eigengewicht aufnehmen. Gleichzeitig dürfen die thermisch bedingten Bewegungen und Ausdehnungen des Materials durch die Befestigung nicht beeinträchtigt werden. Die Neudeckung erfolgte demnach gemäß den ZVDH-Fachregeln für Metallarbeiten, Regelteil „Blei im Bauwesen“ und den Technischen Regeln Saturnblei.
Nach der Demontage der alten Bleideckung musste die 25 mm Eichenschalung mit einer bei Turmdeckungen erforderlichen 30 mm dicken Rauspundschalung überschalt werden. Darauf verlegten die Klempner eine robuste Schalungsbahn als Trennlage und Notdeckung für die Bauphase. Zur Ausführung kam wieder eine Blei-Tafeldeckung mit kleinem Hohlwulst. Die Aufteilung Bleischaren erfolgte in Absprache mit der Denkmalbehörde weitgehend nach dem historischen Vorbild. Nur die Querfalze sind nicht mehr im Halbversatz, sondern dehnungstechnisch um 25 cm versetzt angeordnet. Um den Schwung der Drehung mitzunehmen, sollten jeweils die rechten Gratanschlüsse der acht verdrehten Dreiecksflächen mit einer vollen Scharbreite auf die Spitze zulaufen.
Klempnerhandwerk pur und sportliche Höchstleistung
Als erforderliche Blechdicke für Turmdeckungen mussten die Klempner der Firma Prange Bleibleche in 3,0 mm Dicke verlegen. Bei rund 30 kg pro Tafel und 23 Tonnen bis zur Fertigstellung war dies eine besonders sportliche und auch anstrengende Bauaufgabe. Die Haften im kleinen Hohlwulst der Blechverbindung sind ca. 20 mm höher als die kleine Aufkantung. Die Befestigung der Hafte auf der Deckunterlage und deren Abstände erfolgte gemäß den Tabellenwerken der Fachregel. Beim Umformen sollte die Breite des Falzes aus Gründen einer schadlosen Dehnung der Bleitafeln mindestens das Zehnfache der Materialdicke betragen, also etwa 30 mm. Die Befestigung der Bleitafeln erfolgte mit zwei Nagelreihen.
Die Querverbindungen sind mit durchgehendem Haftstreifen ausgeführt. Dieser „eingehängte Querstoß“ ist die stabilste Querverbindung und wird deshalb bei exponierten Turmdächern angewendet, da sie den starken Windlasten standhalten müssen. Die Befestigung des Haftstreifens auf der Unterkonstruktion kann gleichzeitig als Befestigung der Bleischar ausgeführt werden. Die spitzen Ecken des Haftstreifens wurden schräg angeschnitten, damit sie nicht bei Bewegungen durch das weiche Bleiblech dringen.
Anders als die typische maschinelle Werkstattfertigung biegesteifer Bleche erfolgten die Formarbeiten der Bleitafeln überwiegend vor Ort, auf der Baustelle – also Klempnerhandwerk pur und sportliche Höchstleistung. Um die schweren Bleiplatten an den Einbauort zu hieven, setzten die cleveren Prangeklempner zur Erleichterung eine kleine, umgebaute Seilwinde mit Spannzange ein.
Abnahme ohne besondere Vorkommnisse
Aufgrund der stets engen und kooperativen Zusammenarbeit aller Baubeteiligten erfolgte die Abnahmebegehung ohne besondere Vorkommnisse. Das Gerüst war passend zum Weihnachtfest 2023 abgebaut.
Klempnermeister und Geschäftsführer Frank Henke bietet seit 25 Jahren mit seinem Team der Klempnerabteilung nicht nur komplizierte Deckungen und Metallarbeiten im Denkmalschutz. Ebenso ist er im Neubau zu Hause und erstellt architektonisch gestaltete Dächer und Fassen in allen gängigen Metallwerkstoffen. Der Fachbetrieb sucht, wie viele Handwerksunternehmen auch, Fachpersonal und Auszubildende mit guter Übernahmechance.



