Die Nacht zum 15. November 2007 schockt ganz Zürich. Durch einen technischen Defekt steht das Zunfthaus zur Zimmerleuten in Flammen, eines der ältesten und historisch wertvollsten Häuser in Zürich. Mehr als 100 Feuerwehrleute sind im Einsatz. Als der Dachstock über dem Zunftsaal unerwartet früh einstürzt, verliert ein Feuerwehrmann sein Leben, weitere Kollegen werden verletzt.
Dem Schock folgt eine Welle der Solidarität. Für die Familie des Feuerwehrmannes, der erste, der in Zürich beim Einsatz ums Leben kam, spendet die Zürcher Bevölkerung. Um die hässliche Brandlücke am Limmatquai zu schließen, wird eine provisorische Fassade mit dem Abbild des Zunfthauses errichtet. Sie bietet Sichtschutz für die Aufräum- und Aufbauarbeiten. An den Kosten der Fassade beteiligen sich alle Zünfte, die als Zeichen der Solidarität ihre Wappen darstellen.
Das Haus zum Roten Adler, wie es offiziell heißt, ist seit 1459 im Besitz der Zunft zur Zimmerleuten. 1708 wird der hölzerne Kopfbau durch einen Steinbau ersetzt. Er ist ein Stockwerk höher und mit Zunftstuben und Restaurants ganz auf die Zwecke der Zunft ausgerichtet. Ausbauten und Innenschmuck bleiben seit dieser Zeit weitgehend unverändert, was das Zunfthaus kulturhistorisch so besonders wertvoll macht.
Nach dem Brand analysiert eine Expertenkommission mit Zünftern, Fachleuten und Denkmalpflege den Schaden und die verbliebene Bausubstanz. Unter Federführung der Denkmalpflege wird der Wiederaufbau des Zunfthauses beschlossen. Damit verbunden ist die Rekonstruktion aller historisch wertvollen Bereiche, insbesondere des total zerstörten oberen Stockwerks mit dem großen Zunftsaal und dem Dach. Zugleich sollen die Abläufe für die gastronomische Nutzung optimiert und eine umweltgerechte Haustechnik eingebaut werden. Dazu gehören rollstuhlgerechte sanitäre Einrichtungen, ein Fahrstuhl, moderne Küche, umweltgerechte Hausund Klimatechnik, Brandschutz mit Sprinkleranlage. Selbstverständlich hat alles den heutigen baupolizeilichen Standards für gastronomische Betriebe zu entsprechen.
Die Aufräumarbeiten werden zur Spurensuche nach noch erhaltenen historischen Gegenständen. Sie sollen als Referenzstücke Vorlagen für die Rekonstruktion liefern. Aus den vom Feuer unversehrten unteren Stockwerken werden die Einbauten entfernt. Täfer, Böden, Schnitzereinen, Bilder, Fliesen, Ofenkacheln werden vorsichtig demontiert, um sie später gründlich gereinigt genau dort wieder einzusetzen. Beim Rückbau entdeckt man eine gut erhaltene Mauer von 1156. Auch eine in Größe und Zustand einmalige Wandmalerei aus der Zeit um 1400 wird freigelegt. Der Wiederaufbau beginnt mit den tragenden Strukturen. Im September 2008 ist die Arbeit der Zimmerleute mit der Aufrichte für die Dachstühle der verschiedenen Dachteile und des Turm abgeschlossen.

Wiederaufbau ohne künstliche Alterung
Der augenfälligste Baufortschritt, weil er über die provisorische Fassade hinausragt, ist das neue Dach, gekrönt von dem roten Turmdach des Erkers. Der Dachteil zur Römerstraße wurde leicht angehoben, um mehr Platz für die neue Haustechnik zu gewinnen. Ende Mai 2009 ist mit dem Setzen des letzten Firstziegels die Dach-Rekonstruktion abgeschlossen. Die rote Blechspitze des Turms, das Gelb der Ziegel und Schindeln setzen sich hell von den Nachbarhäusern ab. Bewusst hat sich die Baukommission dazu entschlossen, für den Aufbau keine alten Balken oder Ziegel zu verwenden, die wären ohnehin nicht authentisch. Statt dessen wird mit neuen, aber historisch korrekten Materialien eine Kopie erstellt. Die heutigen Zünfter und ihre Gäste erleben diesen Nachbau wie vor 300 Jahren ihre Vorgänger im damals neu gebauten Zunfthaus. Die natürliche Patina durchs Altern und Nachdunkeln kommt von alleine. In dreihundert Jahren wird das Zunfthaus so aussehen wie gewohnt, drinnen vielleicht noch etwas frischer, sollte das Rauchverbot ebenfalls so lange bestehen bleiben.
Historisch korrekte Biberschwanzziegel
Wie seine Nachbarhäuser ist auch das Zunfthaus zur Zimmerleuten mit Biberschwanzziegeln gedeckt. Der gebrannte Tonziegel ist weitaus haltbarer und langlebiger als Holzschindeln und, nach den schon den Römern bekannten Mönch-und-Nonne-Ziegeln, die Innovation des 17. Jahrhunderts. Wie Holzschindeln wird der Biberschwanz in Doppeldeckung verlegt und bildet eine ebenso zuverlässige wie langlebige und natürliche Dachabdeckung. Bei der Suche nach den geeigneten Ziegeln wendet man sich an die «Tuileries et Briqueteries Bardonnex SA». Diese 1896 gegründete Ziegelei (jetzt im Besitz der Ziegelei Rapperswil Louis Gasser AG) hat sich auf die Produktion von Biberschwanzziegeln spezialisiert. In der ganzen Schweiz finden sich markante Dächer historischer, aber auch moderner Gebäude mit Ziegeln aus dem Kanton Genf.
Die Wahl fiel auf einen Tondachziegel, der in seiner Färbung den ursprünglichen gelben Zürcher Ziegel entspricht. Der verwendete Ton bildet beim Brennen eine natürliche, ins Rötliche changierende Farbtönung, was eine harmonische und lebendige Dachfläche ergibt. Die Ziegel sind nicht auf historisch getrimmt oder künstlich gealtert. Sie werden im Originalzustand eingebaut, genau wie die Ziegel auf den Nachbardächern, nur haben diese mehrere hundert Jahre Witterung hinter sich. Man muss sich also noch etwas gedulden, bis sich die neuen Ziegel ihrer Umgebung angepasst haben. Die Aussenwände der Dachgauben sind mit Holzschindeln belegt. Sie stammen von Bäumen aus dem Kanton, was der Regel entspricht, Schindelholz aus der Region zu verwenden, weil es dem heimischen Klima am besten standhält. Die Schindeln sind gleichzeitig Zierde und Schutz. Ursprünglich wurden sie mit Holzdübeln oder handgeschmiedeten Nägeln befestigt, was sich damals nur wohlhabende Bauherrschaften leisten konnten.
Komplett ab Dachstuhl, inklusive Ziegeldach
Nach dem Aufrichten des Dachstuhls durch die Zimmerleute übernimmt die Scherrer Metec AG die weiteren Bauarbeiten für das Dach: Isolation, Spenglerei, Turmspitze, Blitzschutz und neu auch die Lattung und das Dachdecken mit Ziegeln und Schindeln. Mit diesem Schritt kann die Scherrer Metec AG das komplette Dach aus einer Hand anbieten. Was sich schon bisher bei Metall-Fassaden und -Dächern als Vorteil erwiesen hat, macht auch bei konventionellen Dächern Sinn, ob neu oder historisch: die zahlreichen Übergänge zwischen Dachkanten, Gauben, Schornsteinen, Fenstern, Abzügen, Lüftungsschächten, Abflüssen ergeben derart viele Schnittstellen, dass die Expertise, die Konstruktion, Koordination und Ausführung aller Arbeiten aus einer Hand zu einem Vorteil wird.
Scherrer Metec ist auf Basis einer über 100-jährigen Firmengeschichte der Zürcher Spezialist in Sachen Sanierung und Rekonstruktion. Basis dafür ist die Pflege der handwerklichen Traditionen beim Umgang mit überlieferten Materialien wie Kupfer und Blei.
Turmdach nach Fotos rekonstruiert
Originalzeichnungen sind für den jahrhundertealten Bau natürlich nicht mehr vorhanden. Deshalb orientiert sich Scherrer an Fotos ebenso wie bei der Rekonstruktion des Turmaufsatzes des NZZ-Gebäudes. Nach Vorlage der Fotos wurden die Bauteile neu gezeichnet. Dazu werden die Maße am von den Zimmerleuten erstellten Dachstuhl abgenommen. Charakteristische Merkmale sind der Übergang zur Turmspitze und die von gerundeten Hutleisten überdeckten Falze. In der Werkstatt werden dann die Bleche zugeschnitten, die Formteile angepasst und verschweisst oder gelötet. Während die nicht sichtbaren Metallteile blank bleiben, erhalten alle anderen Teile eine Lackierung in der historischen Farbe des Roten Adlers. Danach werden die Teile am Erkerturm montiert.
Ebenfalls nach Fotos rekonstruiert entstehen in der Spenglerei-Werkstatt das beim Feuer zerstörte Wappentier der Zunft, der Adler, sowie vier wasserspeiende Drachenköpfe. Sie waren keine Brandopfer, sondern fehlten schon seit längerer Zeit. Jetzt schmücken sie wieder die Abflüsse der Regenrinnen.
Parallel zum Turmdach werden die anderen Metallarbeiten ausgeführt, Wasserrinnen und Abdichtungen der Dachanschlüsse erstellt, Fensterrahmen eingefasst, Halterungen für Schneebremsen und die Blitzschutzanlage montiert. Abschließend folgt das Eindecken mit Ziegeln und Schindeln. Es dauerte noch eineinhalb Jahre, bis auch der Innenausbau abgeschlossen war und im Oktober 2010 die Zunft zur Zimmerleuten ihr Zunfthaus wieder in Betrieb nehmen konnte.
Beat Conrad