KlempnerMagazin unterwegs: In der Kulturhauptstadt Chemnitz wird viel gebaut und viel saniert. Auch ein zum Teil verfallener, denkmalgeschützter Lokschuppen erhielt von der Bauklempnerei Triebel eine neue Edelstahldeckung mit komplizierter Entwässerung und Spezialdämmung – Anlass genug, dies einmal vor Ort in Augenschein zu nehmen.
Chemnitz war 2025 Kulturhauptstadt Europas und feierte unter dem Motto „C the Unseen“ („Sieh das Unsichtbare“). Das Programm bezog die Region Mittelsachsen mit ihren 38 Partnerkommunen ein und beleuchtete unter anderem neues kulturelles Potenzial sowie ihre industrielle Vergangenheit. Ziel war es, die Stadt als europäischen Kulturstandort sichtbar zu machen und langfristige Entwicklungen zu fördern. Die offizielle Eröffnung fand im Januar 2025 statt (www.chemnitz2025.de).
Um den Erhalt der Zeugnisse industrieller Vergangenheit kümmerte sich auch der Schweizer Unternehmer Klaus Marte, der vor kurzem plötzlich und unerwartet verstorben ist. In 2020 erwarb er das Areal an der Lerchenstraße, unweit des Chemnitzer Hauptbahnhofes. Darauf befinden sich eine alte Fabrik für Spezialmaschinen und ein denkmalgeschütztes Eisenbahnbetriebswerk mit Lokschuppen, errichtet etwa um 1870 und wichtiger Teil der industriellen Geschichte der Stadt. Für die umfassende Sanierung der in Teilen verfallenen Gebäude erhielt der Unternehmer einen Zuschuss von der Denkmalbehörde im hohen sechsstelligen Bereich. Besonders betroffen war der wertvolle Lokschuppen, um den es auch in dieser Dokumentation geht.
Der Lokschuppen mit rund 4.500 m² überbauter Fläche besteht an den Außenwänden aus Mauerwerk – im Inneren sorgen Stahlkonstruktionen für die damals erforderlichen Spannweiten, um mit den Lokomotiven einfahren zu können. Die Tore wurden entfernt und die Öffnungen mittlerweile zugemauert. Um die bestehende Baukonstruktion vor Feuchteschäden und Korrosion zu schützen, mussten zunächst die maroden Dachdeckungen einschließlich des gesamten Unterbaus erneuert werden.

Stroh im Dach
Auf den Zimmereibetrieb Ingolf Wehner aus Frankenberg kam damit eine herausfordernde Aufgabe zu, denn Klaus Marte bevorzugte zudem eine, so weit wie möglich, ökologische Bauweise für das gesamte Dachpaket. Mit Rückbau der vorhandenen Dachschichten wurden gleichzeitig Schadstellen an der Stahlkonstruktion beseitigt, eine neue, 30 Millimeter dicke Holzschalung aufgebracht und mit einer diffusionsdichten Unterdeckbahn abgedeckt.
Darauf verlegten Ingolf Wehner und Team eine ökologische, 500 mm dicke, gestampfte Strohdämmung.
Dabei stellen sich Planern und Handwerkern gleich mehrere Fragen: Was ist mit dem Brandschutz? Wie reagiert Stroh auf Baufeuchte und wie vermeide ich Getier in der Strohdämmung? Die bisherigen Erfahrungen zeigten, wenn Stroh fachgerecht verbaut werde, ist es gegen Brand geschützt, es verrottet nicht und wird nicht von Nagetieren und Ungeziefer befallen (siehe auch „Leitfaden Strohbau“). Feuerhemmende strohgedämmte Bauteile können gemäß Strohbaurichtlinie SBR-2019 bis Gebäudeklasse 4 erstellt werden, wenn allein durch die Bekleidung ein entsprechender Nachweis vorliegt. Dieser brandschutztechnische Nachweis erfolgte auch für das Dachpaket des Lokschuppens mit feuerhemmend gestampfter Dämmung und der nichtbrennbaren Metalldeckung aus Edelstahl. Somit waren die Voraussetzungen für die Baugenehmigung erfüllt.
Mondholz als Befestigungsgrund
Die Konstruktion erhielt eine 100 mm hohe Hinterlüftungsebene, als Deckunterlage verlegte die Zimmerei Wehner eine 30 mm dicke Vollholzschalung mit bewegungstolerantem Stufenfalz. Gegenüber Nut- und Federstößen können sich Schalungsbretter beim Stufenfalz besser bewegen, ohne dass Spannungen entstehen. Zum Einsatz kam sogenanntes „Mondholz“. Mondholz oder Mondphasenholz wird bei einer bestimmten, als „günstig“ angesehenen Mondphase geerntet und soll dadurch eine Reihe außergewöhnlicher Holzeigenschaften besitzen: Es brennt nicht, es fault/wurmt nicht, es arbeitet nicht. Neben diesen drei Grundaussagen findet man gelegentlich noch weitergehende angebliche Qualitätsmerkmale, dass dies besonders trocken und hart sein solle (Quelle: TU Dresden „Mondholz“). Für den Wetterschutz während der Bauphase verlegten die Zimmerer eine robuste nahtselbstklebende Schalungsbahn als Notdeckung.
Den Auftrag für die rund 4.500 m² Metalldachflächen im Doppelstehfalzsystem erhielt Bauklempnerei Heinz Triebel aus Schneeberg im Erzgebirge. 1978 als Klempner- und Installationsbetrieb gegründet, beschäftigt sich der jetzige Inhaber Sören Triebel in zweiter Generation verstärkt mit Metalldächern und Metallfassaden, bundesweit sowohl im Neubau als auch im Denkmalschutz. Mit seinem Sohn Finley, der zurzeit seine Klempnerausbildung absolviert, ist auch die dritte Generation bereits im Unternehmen tätig.

Rinnen von der Rolle
Nicht nur die Langlebigkeit und die Verarbeitbarkeit, sondern auch das Dehnungsverhalten bei Temperaturwechsel und ein geringes Flächengewicht waren bedeutende Kriterien bei der Auswahl des geeigneten Metallwerkstoffes für dieses Bauvorhaben. Die Entscheidung fiel letztendlich zugunsten eines 0,5 mm dicken Edelstahlbleches des Fabrikats Uginox K44 (Werkstoffnummer 1.4521) des Herstellers Aperam. Dies bietet mit 3,85 kg/m² bei gleichzeitig hoher Festigkeit und geringer Temperaturdehnung bei ΔT 100 K von nur 1,1 mm/m statische Reserven, wie sie bei Bestandssanierungen oft gefordert sind. Die Deckung erfolgte im Doppelstehfalzsystem mit einer Regelscharbreite (Deckmaß) von 500 mm aus 580 mm Bandmaterial. „Der Vorteil des geringen Dehnungswertes spielte bei den innen liegenden Rinnen der Schmetterlingsdächer eine bedeutende Rolle“, erklärte Carsten Fischer, Anwendungsberater bei Aperam:
„Der ferritische Edelstahl ist beidseitig verzinnt, dementsprechend gut lötbar und bildet eine mattgraue Patina. Um Fremdrost zu vermeiden, kommen Blechscheren und Falzwerkzeuge aus Edelstahl zum Einsatz. Werden Bleche genietet, sind Edelstahlnieten mit Edelstahldorn zu verwenden“, ergänzt Carsten Fischer. Zu den klempnertechnischen Besonderheiten zählte die Konstruktion der innen liegenden Rinnen der Schmetterlingsdächer. Sie bestehen aus einer Haupt- und einer Notrinne. Die Hauptrinnen sind aus Edelstahlblech wie die Deckung gefertigt und als Notrinne verlegte das Triebel-Team Kunststoffbahnen des Fabrikats Cosmofin von Wolfin. Die Nähte der widerstandsfähigen, mit Glasgelege verstärkten Bahnen sind wasserdicht verschweißt.

Klempnermeister Sören Triebel schildert, wie er die Rinnen „nahtlos“ fertigte: „Die Notrinne ist an einen großen kastenförmigen Sammler angeschlossen, in die auch die Hauptrinne entwässert. Die Besonderheit: Die Rinnen haben wir in Einzellängen bis zu 16,20 Metern nahtlos auf der Distanzkonstruktion mit Holzknaggen verlegt! Die Kantungen der 220 mm tiefen und 480 mm breiten Kastenrinnen haben wir am Dach auf einem selbstgebauten Arbeitstisch mit einem speziellen Handrollformer angeformt. Auch die Rinnenendstücke sind mit Quetschfalten aus dem Rinnenprofil heraus und somit wasserdicht angeformt. Industrielle Dehnungsausgleicher haben wir bewusst nicht eingebaut, da wir damit schlechte Erfahrungen gemacht haben. Bereits nach 10 Jahren waren an einigen Bauvorhaben die Neopreneinlagen porös und mussten ersetzt werden. Alle Dehnungsausgleicher der innen liegenden Rinnen sind handwerklich hergestellt. Dazu stehen sich je zwei Rinnenendstücke in einem Abstand von 50 Millimeter als Schiebebereich gegenüber. Dieser ist mit einem passenden Deckel regendicht abgedeckt. Allein die Rinnenablaufstutzen und einige wenige Anschlüsse mussten gelötet werden.“
Falzen aus Leidenschaft
Sören Triebel ist Klempner aus Leidenschaft. Er liebt es, Dächer und Fassaden mit Blechen zu verschönern und damit alte und neue Bausubstanz nachhaltig vor der Witterung und dem Verfall zu schützen. Je komplizierter die Anschlüsse werden, umso besser. Ein Beispiel hierfür ist ein alter Kamin mit rund drei Metern Durchmesser, den Sören Triebel komplett in Falztechnik eingefasst hat. „Es gibt kaum ein Detail, was man nicht mit Blech sicher und regendicht ausführen kann“, so Sören Treibel. „Natürlich braucht man dazu viel Erfahrung, besonderes handwerkliches Geschick und nicht zu vergessen: lebenslanges Fortbilden. Das Beste jedoch ist: Die Arbeitsergebnisse an Dächern und Fassaden bleiben für viele Jahrzehnte sichtbar. Das macht schon auch etwas stolz und erfreut die Bauherrschaft. Ich freue mich sehr, dass auch mein Sohn Finley mit Begeisterung seine Klempnerlehre absolviert. Dies ist heute nicht mehr selbstverständlich.“ Finley Triebel wird am Berufsbildungszentrum (BBZ) Meiningen beschult. Das BBZ ist eine von fünf Berufsschulen, an denen Klempner/innen aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt unterrichtet werden.
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