Drohnenafnahme
Das inmitten der rauen Bergwelt von Andermatt errichtete Metalldach aus Titanzink ist ebenso schick wie robust. Die Bless AG sorgte dafür, dass es auch den extremen Witterungsbedingungen standhält. (Quelle: Bless AG)

Technik

12. December 2022 | Teilen auf:

Wetterextreme im Griff 

Metalldächer: In alpinen Lagen sind Metalldachkonstruktionen häufig extremen Witterungsbedingungen ausgesetzt. Um diese Einflüsse in den Griff zu bekommen, mussten für das Metalldach eines neu errichteten, repräsentativen Mehrfamilienhauses in Andermatt besondere Maßnahmen getroffen werden.

Wer zur Schöllenenschlucht vom Vierwaldstätter See hoch bis nach Andermatt gelangt, der kann das neue Ferienresort des ägyptischen Milliardärs Samih Sawiris nicht verfehlen. Kaum dem Schlund der Schlucht entkommen, sieht man die markanten Gebäude auf dem ehemaligen Waffenplatz. In unmittelbarer Nähe des Resorts, inmitten der rauen Bergwelt des Kantons Uri, entstand ein schickes Mehrfamilienhaus, mit einem ebenso schicken und gleichzeitig robusten Dach. Es besteht aus einer Holzunterkonstruktion als Traggrund mit einer hinterlüfteten Metalldeckung im Doppelstehfalzsystem. In der Bergwelt des Schweizer Kantons Uri sind Dächer extremen Witterungsbedingungen mit Starkwind, heftigen Gewittern und hohen Schneelasten ausgesetzt. Nicht nur dies, auch die bauphysikalischen Bedingungen aufgrund der großen Temperaturunterschiede vom Gebäudeinneren zur Wetterseite erforderten für das sechsgeschossige Mehrfamilienhaus einen sicher geplanten und handwerklich akribisch ausgeführten Dachaufbau. Hinzu kamen zahlreiche Dachdurchdringungen, die nicht nur fachgerecht eingebunden werden mussten; auch die Ausarbeitung der Anschlussdetails und die Einteilung der Scharen für die Metalldeckung aus Titanzink erforderte einen erheblichen Planungsaufwand. Insgesamt durchdringen die rund 600 m² Dachfläche sechs Dachfenster, ein Dachausstieg, zwei Dachgauben, zwei Ochsenaugen, vier Kamine und zahlreiche Einfassungen für die Haustechnik – genau die richtige Aufgabe für die Spengler der Bless AG und der Holzbautechnik Burch. Es galt, das Dach mit allem auszurüsten, was das Gebäude vor Feuchte und Personen vor herabfallenden Schneelawinen schützt.  

Gut gerüstet für die Bauaufgabe

Die Bless AG verfügt über einen vollständig ausgerüsteten Maschinenpark mit Langabkantbänken bis 6,40 m Biegelänge, Längs- und Querteilanlagen sowie über alle notwendigen Profilier- und Blechverarbeitungsmaschinen. Damit können problemlos auch komplizierte Profilgeometrien gefertigt werden. Zudem werden Planänderungen und erforderliche Anpassungen während der Projektbearbeitung – ohne mögliche Verzögerungen durch externe Dienstleister – im eigenen Unternehmen umgesetzt. „Die Anordnung der Festhaften und das Ausbilden der Schiebebereiche unter Berücksichtigung aller Einfassungen erforderte dabei eine genaue Analyse der jeweiligen Bausituationen. Die längsten Scharen sind rund 11 Meter lang und haben etwa 1,80 Meter oberhalb der Traufe einen Knick dort, wo die Vor- und Hauptdächer mit unterschiedlichen Neigungen zusammenlaufen“, beschreibt Geschäftsführer Gregor Bless.

Zwei Ebenen für die Sicherheit

Im Winter ist in Andermatt typischerweise mit hohen Schneelasten zu rechnen, dementsprechend solide ist die Statik einer Dachkonstruktion konzipiert. Die Deckunterlage für die Doppelstehfalzdeckung aus vorbewittertem Titanzink in prePatina blaugrau besteht aus einer 27 mm dicken, gehobelten Holzschalung mit offenen Fugen. Es folgen eine Konterlattung für die Hinterlüftung, eine Dichtungsbahn als zweite Ablaufebene sowie der Holzelementbau mit Sparren, Zwischensparrendämmung, Dampfbremse und Innenbekleidung. Zwischen Metalldeckung und Holzschalung ist eine strukturierte Trennlage Air-Z angeordnet. Sie gleicht Toleranzen der Unterkonstruktion bis ca. 2 mm und Nagelabdrücke aus und verbessert zudem die Gleitfähigkeit der bis zu 11 Meter langen und 500 mm breiten Schare. Die zweite Ablaufebene wurde geschaffen, da bei Tauwetter oder Starkregen mit Windeinwirkung Wasser an Anschlüssen und überfluteten Falzen temporär unter die Deckung gelangen kann. Dies kann über die Schalungsfugen und die zweite Ablaufebene schadlos abfließen. Verbleibende geringe Mengen Baufeuchte werden über die Hinterlüftungsebene ins Freie abgeführt.

Mit Falzen gestalten

Für das architektonisch hochwertige Erscheinungsbild des Neubaus spielte auch die Einteilung der Stehfalzschare eine bedeutende Rolle. So laufen die Schare seitlich der Lukarnen (Gauben) und Dachflächenfenster von der Traufe bis zum First durch. Die Deckung der runden Lukarnen erfolgte ohne Unterbrechungen über den Firstpunkt von Traufe zu Traufe. Konstruktiv sind die Gauben an die Hinterlüftungsebene angeschlossen und somit in der Lage, temporär auftretende Baufeuchte sicher ins Freie abzuleiten.
Zur präzisen Vorfertigung wurden sämtliche Schare vor Ort auf der Schalung aufgezeichnet, in die Produktionsliste übernommen und anschließend in der Werkstatt profiliert. Der sichere Transport der langen Schare zur Baustelle erfolgte mittels spezieller Teleskop-Transportrahmen, die für die jeweiligen Scharlängen entsprechend ausgezogen werden können.

Freie Dehnung für die Dachlandschaft

„Alle vorderen Anschlüsse der Firste, der breiten Durchdringungen sowie des Gefälleknicks zum Dachüberstand wurden mit einem sogenannten Bündnerfalz, auch Quetschfalz genannt, handwerklich und regendicht ohne zusätzliche Einschnitte in den Falz ausgeführt. Die seitlichen und hinteren Anschlüsse zu den Dachbahnen erfolgten mittels Querfalz als Zusatzfalz mit aufgelötetem Einhangstreifen. Die Dachneigung von über 25° ließ dies problemlos zu. Die Scharen links und rechts der Durchdringungen haben wir als Winkelfalz stehen lassen; so können sie die Quer- und Längsdehnung optimal aufnehmen. Alle anderen Falzverbindungen sind im Doppelstehfalzsystem ausgeführt“, erklärt Gregor Bless.
Anstelle von Festhaften verwendeten die Spengler Haftstreifen aus 0,4 mm dickem Edelstahlblech. Die Kehlen auf der Nordseite sind vertieft ausgeführt. Die Einfalzung der beidseitig einlaufenden Scharen erfolgte mittels Traufen-Einhangprofilen. Die Kehlen der gerundeten „Ochsenaugen“ sind segmentiert ausgebildet und ebenfalls beidseitig, indirekt mit Einhängestreifen, fixiert.

Sonderlösung Kamin

„Die Außenhaut der Kamine sollte eigentlich mit weißem Putz ausgeführt werden. Doch mit dem Argument der Langlebigkeit und dem Vermeiden von Verunreinigungen durch Verputzarbeiten konnten wir den Architekten für eine Ausführung mit einer Metallbekleidung aus Aluminium reinweiß überzeugen. Die Bekleidungen einschließlich Abdeckungen und Kaminhaube fertigten und montierten wir bereits vor dem Verlegen der Dachschalung und der Metalldeckung. Wir wählten diese Montagefolge, da wir das erforderliche Gerüst für die über 3,00 Meter hohen Kamine nicht auf das fertige Doppelfalzdach stellen wollten. Somit konnten wir Verunreinigungen und Beschädigungen von vornherein vermeiden. Die Unterkonstruktion haben wir so ausgeführt, dass wir damit das Metalldach nachträglich an die Kamine anschließen konnten“, berichtet Gregor Bless.       

Das Bild zeigt die gehobelte Holzschalung mit offenen Fugen.
Die Deckunterlage für die Doppelstehfalzdeckung besteht aus einer strukturierten Trennlage auf der 27 mm dicken gehobelten Holzschalung mit offenen Fugen. Mögliches Treibwasser wird über die zweite Ablaufebene abgeführt. (Quelle: Foto: Bless AG)

Regen, Schnee und Eis sicher managen

Die Hauptdächer sind mit einer tief vorgehängten, halbrunden Rinne entwässert. Das Niederschlagswasser der Dachgauben und des Terrasseneinschnitts wird über Einlegerinnen abgeleitet, die zudem an das Unterdach angeschlossen sind. Diese leiten bei entsprechenden Wetterlagen auch das temporär anfallende Treibwasser ab. „Sämtliche Entwässerungsleitungen, Rinnen, Kehlen und Dachausstiege haben wir mit einer thermisch gesteuerten Rinnenheizung des Fabrikats Raychem ausgerüstet. Das verlegte Schneefangsystem der Dachflächen ist als Schneeverbauung konzipiert, wie dies auch in der Bergwelt zum Schutz vor Lawinenabgängen angewendet wird. Die Schneefangrohre sind in jeder Schar mit einem Eishalter ausgerüstet und im Regelabstand von etwa 90 cm auf den Dachflächen angeordnet. Somit verhindern sie das großflächige Abrutschen der winterlichen hohen Schneemassen.

zuletzt editiert am 30.12.2022