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Blick über das Dach des bisherigen Logistik-Centers auf die sanierte Fassade des bestehenden Hochregallagers. Fotos: www.zuegerpix.ch

Technik 2011-05-17T00:00:00Z Das Lagerhaus in der Schokoladenfolie

Wer am Zugfenster gelangweilt die Agglomerationslandschaft in Richtung Zürich vorübergleiten lässt, wird auf der Höhe von Spreitenbach mit einem Ruck hellwach. Tatsächlich, eine riesige Tafel Schokolade ragt aus dem gesichtslosen Einerlei der Industrie- und Bürogebäude heraus.

Die Lagerhäuser Aarau AG leistet es sich, ihre Logistikzentren etwas anders zu gestalten. Architektonisch sind sie reine Zweckbauten, wie andere Lagerhäuser auch. Fenster braucht es nur dort, wo Menschen arbeiten, ansonsten sind gut isolierende Wände für die klimatisierten Lager effizienter. Bleibt als gestalterischer Spielraum die Fassadenhülle. Die Idee dafür steckt in dem, was hier in großen Mengen gelagert und umgeschlagen wird: Schokoladeprodukte. Was also lag näher, als das Gebäude wie mit einer Schokoladenfolie aus Aluminium einzupacken?

Sanierung und Erweiterung

Das Projekt umfasste die Erweiterung des bestehenden Zentrums um ein weiteres Hochregallager und ein neues Logistikzentrum. Außerdem sollte das bestehende Lager saniert und neu gedämmt werden, um die Energiebilanz der für Schokolade auf 16 bis 18 Grad klimatisierten Halle zu verbessern. Architekten sind die Aargauer Frei Architekten AG, Bauspenglerei ist die Zürcher Scherrer Metec AG. Zum Auftrag der Spenglerei gehörten die Sanierung und der Neubau der gesamten Außenhülle.

Bei dem bestehenden Hochregallager wurden die äußeren Trapezbleche und die alte Dämmung entfernt, dann längere Halterungen montiert, 200 mm Dämmplat-ten eingesetzt und die Trapezbleche wieder davorgehängt. Bei den Neubauten erfolgte die Montage der Unterkonstruktion auf Beton oder dem Stahlskelett des Hochregallagers. Auch hier bilden 200 mm Dämmplatten und Trapezbleche die Außenhaut. Die Flachdächer der Neubauten erhielten einen mehrlagigen Aufbau mit Begrünung.

Somit sind alle Wände des Gebäudes außen mit Trapezblechen abgedeckt, Dichtheit und Dämmung sind gegeben. Zudem dienen die Trapezbleche als idealer Montageunterbau inklusive Hinterlüftung, die Außenhaut muss keine weiteren Funktionen übernehmen.

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Zwei-Mann-Teams montieren die Blechpaneele.

Ganz einfach ist nicht immer einfach

Bei der Schokolade ist es ganz einfach. Man nimmt eine hauchdünne Aluminiumfolie und wickelt sie herum. Wie von selbst entstehen dabei die typischen Strukturen. Aber wie überträgt man diese Wellen auf die 1000-fache Größe? Wie arbeitet man mit einem Material, das 1000-fach dicker ist? Und das nur in einzelnen Teilen montiert werden kann? Was den Architekten vorschwebte, war nicht das, was bei Metallfassaden als klassische Prinzipien der Bauspenglerei gelehrt wird. Während die Falztechnik dafür sorgt, dass sich Dehnungen und Spannungen nicht auf die angrenzenden Segmente auswirken, war hier das Gegenteil gefordert. Die Verwerfungen sind gewünscht und sollen sich über die benachbarten Bleche hinweg fortsetzen. Dabei ist zwar keine Dichtheit gefordert, aber optische Geschlossenheit. Die gesamte Oberfläche soll wie aus einem Guss wirken. Die Zürcher Bauspenglerei Scherrer Metec AG hat schon viele spezielle Dach- und Fassadenkonstruktionen realisiert. Jede für sich ist wie ein Prototyp, für den eigene Lösungen gefunden werden müssen. Wie zum Beispiel die «kissenweiche Fassade» in Sihl-City. Sie stammt ebenfalls von Scherrer Metec und diente für dieses Projekt als Vorbild.

Das 1:1-Muster

In der Werkstatt entstand ein 5 x 6 m großes 1:1-Muster. An ihm wurde ein möglichst natürlich wirkender Faltenwurf und die am besten geeignete Montagetechnik ausprobiert. Beim Material musste man den Kompromiss zwischen Flexibilität und Stabilität finden. Es soll sich wölben, darf aber nicht knittern, es muss Temperaturen und Winddruck aushalten und zuverlässig in der Verankerung halten. Selbstverständlich bilden bei diesen großen Flächen auch die Kosten eine Rolle. Das Muster wurde zur Baustelle transportiert und am Gebäude aufgehängt. Bauherrschaft und Architekten konnten sich von der Wirkung überzeugen, dann folgte der Startschuss zur Ausführung.

Nun ist ein 30 m² Muster etwas anderes als einige 1000 Quadratmeter Fläche, die direkt am Bau montiert werden soll. Um jedes Risiko zu vermeiden, waren zum Beginn der Montage die Bauherrschaft und die Architekten eingeladen. Die ersten 80 m² wurden installiert und dann begutachtet, doch das Ergebnis konnte nicht überzeugen. An den Fugen bildeten sich offene Spalten, die Fläche wirkte zerstückelt und nicht homogen. Die Spenglerei musste die Montagetechnik in der Werkstatt überdenken. Dabei wurde auch das Verhalten bei thermischen Einflüssen geprüft. Beim zweiten Anlauf war es dann perfekt. Eine auf 100 mm verbreiterte Überlappung der Bleche und enger gesetzte Fixpunkte ergaben genau den gewünschten Effekt.

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Auf die Dampfbremse werden Dämmplatten verlegt und mit einer zweilagigen Bitumenfolie abgedichtet. Auf diesen Unterbau kommt eine extensive Begrünung.

Kleine Welle, große Wirkung

Die gesamte Fassadenfläche der drei Baukörper summiert sich auf 9500 m², fast ein Hektar. Das erforderte 28 Tonnen 0,8 mm starkes Aluminiumblech, unterteilt in rund 4000 Paneele von 70 mal 400 cm Größe. Bleche wurden direkt auf den Untergrund genietet. Im Unterschied zur Falztechnik können sie bei Wärmeaus-dehnung nicht übereinander gleiten. Statt dessen stauchen sich die Bleche nach außen. Indem man sie partiell nicht auf der Unterkonstruktion fixierte, ließen sich Stärke und Verlauf dieser Stauchung vorgeben. Und weil die Bahnen fest miteinander verbunden sind, konnten beliebig lange Wellen gebildet werden.

Auf großen Flächen stören schon minimale Abweichungen eine gleichförmige Optik. Kleinste Beulen und Dellen stechen ins Auge, was in der Regel die Spenglerarbeit zur Herausforderung macht. Was hier so wild aussieht, wölbt sich um nur wenige Zentimeter und wirkt dennoch überproportional stark. In diesen Wel-len ließen sich auch die unvermeidlichen Verzüge der vier Meter langen Bahnen gut kaschieren, ein Nachschneiden der Bleche war nicht erforderlich, lediglich das Ablängen in der Höhe.

Die markantesten Wellen, die quer oder schräg über die gesamte Breite verlaufen, wurden zunächst von den Architekten skizziert und dann mit Farbspray auf das Gebäude übertragen. Die kleineren Falten blieben dem Zufall überlassen. Oder besser: den Spenglern. Denn jetzt begann das spannendste Kapitel, die Montage.

Daniel Hunziker

zuletzt editiert am 15. April 2021
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