Nach zehn Jahren unermüdlichen Einsatzes des Pfarrers Ingo Reimer war es soweit: Die Friedenskirche in Essen hat ihren alten Kupferturm zurück. Wir zeigen Ihnen, wie der Turm konstruiert wurde und an seinen endgültigen Platz gelangte.
Von 1914 bis 1916 erbaute die altkatholische Gemeinde in der Essener Innenstadt ihr eigenes Gotteshaus die Friedenskirche. Sie liegt direkt gegenüber der zwei Jahre zuvor errichteten Synagoge. Wegen des goldenen Mosaiks im Altarraum, der Fenster und der Deckenmalereien des niederländischen Künstlers Jan Thorn Prikker, galt sie als bedeutendste Jugendstilkirche Deutschlands. Das architektonische Konzept des Backsteinbaus wurde damals nach städtebaulichen Gesichtspunkten entwickelt und kombinierte Räume für Glauben und Versammlung (Kirche, Gemeindesaal), für die Erziehung (Schule), Wohnen und Verkauf (Geschäfte). Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg durch Druckwellen, der auch die Malereien zum Opfer fielen, wurden die einst kunstvollen Dächer von Kirche und Turm nur stark vereinfacht wiederhergestellt. So ersetzte ein Walmdach das ursprünglich hohe geschweifte Mansarddach. Das ehemalige Schweifdach des achteckigen Turmes wurde als Provisorium mit einem schlichten Zeltdach wiederaufgebaut. Seit 2003 gelang es Gemeindepfarrer Ingo Reimer, umfangreiche Wiederherstellungs- und Rekonstruktionsarbeiten im Kircheninneren durchführen zu lassen. Um diese finanzieren zu können, war viel Überzeugungsarbeit bei ortsansässigen Unternehmen, privaten Geldgebern, Vertretern der Lokalpolitik und Organisationen des Denkmalschutzes notwendig. Die Arbeiten leitete der Essener Architekt Peter Brdenk.
Im Kulturhauptstadtjahr 2010 war dann die Finanzierung der Außensanierung gesichert. Nun konnten die Fassaden, der Glockenturm einschließlich Glockenstuhl und die Wiederherstellung des historischen Turmdaches in Angriff genommen werden. Auch für diesen Sanierungsabschnitt war Peter Brdenk verantwortlich.
Schweifdach nach Plan
Für die Rekonstruktion des historischen, metallgedeckten Turmhelmes orientierte sich Brdenk an den Originalplänen des Kirchenarchitekten Albert Erbe aus den Jahren 1914 bis 1916. Diese zeigten einen etwa 7,50 Meter hohen, eingeschwungenen Turm mit kreisrundem Grundriss und einem Durchmesser von etwa 5,50 Metern. Die Turmbekrönung bestand insgesamt aus sieben unterschiedlich geformten Ebenen und Ornamenten, den Abschluss bildete ein 2,50 Meter hohes Turmkreuz eine anspruchsvolle Aufgabe für Planer, Zimmerer und Klempner.
Die Aufträge erhielten die Zimmerei und Tischlerei van Aaken aus Kevelaer und das Metallbedachungsunternehmen Michael Goddemeier aus Münster. Beide Unternehmen haben besondere Erfahrungen im Denkmalschutz und den jeweiligen traditionellen Handwerkstechniken.
Für die Konstruktion des komplizierten Dachstuhls wurde, anders als Anfang des 20. Jahrhunderts möglich war, moderne CAD-Software eingesetzt. Vorab mussten jedoch die baulichen Gegebenheiten präzise vermessen und die Statik überprüft werden. Diese ergab weitere notwendige bauliche Maßnahmen an der Turmtraufe. Um aus Kostengründen die Gerüststandzeiten möglichst gering zu halten, wurde bereits bei der Planung eine Werkstattfertigung der Dachkonstruktion zugrunde gelegt. Dies bedeutete eine präzise Abstimmung der Arbeitsprozesse und des logistischen Ablaufs einschließlich des Transports zur Baustelle. Hierbei musste insbesondere die maximal zulässige Fahrzeugbreite berücksichtigt werden.

Vorteil Werkstattfertigung
Die Lösung war eine zweiteilige Ausführung, bestehend aus Turmbekrönung und der Schweifdachkonstruktion. Die besonders kompliziert geformte Bekrönung fertigte Firma van Aaken aus einem Modul, so dass sie komplett bekleidet und später problemlos mit dem unteren Dachteil verbunden werden konnte. Nach deren Fertigstellung lieferte die Zimmerei die Holzkonstruktion zur weiteren Bearbeitung an den Klempnerfachbetrieb aus. Die Einzelteile des deutlich größeren, schlecht zu transportierenden transportablen Schweifdaches baute der Zimmereibetrieb zunächst auf dem eigenen Werksgelände zusammen. Somit konnten zum einen Überraschungen am Tag des Montageeinsatzes vermieden und zum anderen der ideale Montageablauf und der Transport festgelegt werden. Für die Mitarbeiter der Firma Goddemeier begann nun die Aufgabe, etwa 200 Einzelteile zuzuschneiden, anzupassen, zu profilieren, zu runden, zu befestigen und zusammenzufügen. Bei dieser Anzahl Blechteile und Arbeitsschritte war es folgerichtig, die Bekleidung im werkstattnahen Bereich durchzuführen. Etwa einhundert Arbeitsstunden benötigte Klempnergeselle Alexander Schäfer mit einem Auszubildenden, um die Bekrönung mit grün vorpatiniertem Kupferblech zu bekleiden. "Die Falzarbeiten der siebenteiligen Turmkrone mit ein- und ausgeschwungenen Ornamentringen und unterschiedlich engen Radien waren zu 99 Prozent Handarbeit. Die Einzelteile fügten wir zum Teil mit Flachfalzen und zum Teil mit Doppelstehfalzen zusammen. Dabei war die Herstellung der Quetschfalze am Ornamentring mit den kleinteiligen Scharen besonders kompliziert. Hilfreich waren Ornamentmodelle, die wir zur Vorbereitung der Teile einsetzten. Hiermit konnten wir die vielen Teile zeitsparend und passgenau vorbereiten", beschreibt Vorarbeiter Schäfer.
Die Arbeitsbedingungen waren jedoch ideal. So erleichterten kurze Wege und eine witterungsunabhängige Montage ohne Zwangslagen die fachgerechte Ausführung der anspruchsvollen Falzarbeiten. "Bei einer Montage vor Ort hätten wir sicher die doppelte Zeit benötigt. Dementsprechend hätten deutlich höhere Gerüstkosten eingeplant werden müssen", ergänzt Klempnermeister Michael Goddemeier.
Den ausführlichen Beitrag lesen Sie in klempner magazin Ausgabe 6|2010.