Manchmal kommt es anders, als man plant – besonders bei Dachsanierungen denkmalgeschützter Bauwerke. Bei der Umdeckung von Naturschiefer zur Doppelstehfalzdeckung aus Titanzink zeigten sich große Schäden an der Unterkonstruktion. Für die Firma Wildgrube & Sohn GmbH ergab sich hieraus eine komplexe Bauaufgabe.
Das Kraftwerk Gersthofen nördlich von Augsburg, an einer Staustufe des Lechs gelegen, zählt zu einem Kraftwerksverbund, der sich mit der rasch entwickelnden regionalen Elektrifizierung um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert bildete. Angeschlossen waren die Kraftwerke des Lech-Seitenkanals Meitingen und Langweid. Das am 2. Oktober 1901 in Betrieb genommene Wasserkraftwerk war das erste große Wasserkraftwerk am Lech und markiert den Beginn der flächendeckenden Stromversorgung in Bayerisch-Schwaben. Heute werden Stauwehr und Wasserkraftwerk im Flusslauf kombiniert, was damals technisch noch nicht zu meistern war. Hierzu musste parallel zum Lech ein Seitenkanal geschaffen werden, der heute eine Länge von fast zwanzig Kilometern aufweist. Beim Kraftwerk Gersthofen und den beiden weiteren Anlagen am Lech-Seitenkanal handelt es sich um sogenannte Laufwasserkraftwerke, die rund um die Uhr mit der erzeugten Energie dazu beitragen, die Grundlast der lokalen Stromversorgung ökologisch abzudecken. Die Technikgebäude bestehen aus langgestreckten Blankziegelbauten mit Pilastern, Rundbogenfenstern und weiß abgesetzten Gliederungselementen. In 1904 wurde zusätzlich als Reserve und Ersatz im Störungsfall ein Dampfkraftwerk errichtet, das im gleichen Stil als zweischiffige Halle mit geschwungenen Giebeln gestaltet ist. In diesem Gebäude wurde durch Verfeuern von Kohle Wasserdampf zur Energiegewinnung erzeugt und später vom Betreiber, der Lechwerke AG, als Repräsentationszentrum umgenutzt. Und genau um das Gebäude handelt es sich bei diesem, wie sich erst später herausstellte, komplexen Sanierungsfall.
Start mit Hindernissen

„Die Aufgabe war, das Dach energetisch und technisch unter Berücksichtigung der denkmalpflegerischen Vorgaben zu sanieren. Der alte Aufbau bestand im Wesentlichen aus einer Schieferdeckung auf Holzschalung, die an vielen Stellen schadhaft war. Das Sanierungskonzept sah vor, den alten Dachaufbau von außen komplett abzutragen und gegen eine Doppelstehfalzdeckung aus vorbewittertem Titanzink auszutauschen. Die schiefergrau vorbewitterte Metalloberfläche kam dem Grauton der vorhandenen Deckung sehr nahe“, erklärt Jürgen Wildgrube, Inhaber des beauftragten Fachunternehmens. Maßgabe des Denkmalschutzes war es zudem, die innere Sichtverschalung weitgehend zu erhalten. Nach dem Abbruch stellte sich jedoch ein großer Sanierungsbedarf der Holzkonstruktion im Holzbau heraus. „Dabei wurden neue Fäulnis- und alte Brandschäden sichtbar, die damals unzureichend repariert wurden. Die Zimmerer mussten über 70 Sparren ausbessern und zum Teil komplett erneuern“, ergänzt Jürgen Wildgrube.
Nachdem der Dachstuhl zimmermannsmäßig hergestellt war, konnte mit dem Unterbau begonnen werden – aber nur kurz. Denn mit Beginn der Demontagearbeiten wurden im Dachraum schadstoffbelastete und gesundheitsgefährdende PAK-haltige Stäube festgestellt (Polycyclische Aromatische Kohlenwasserstoffe). Sie hatten sich im Kraftwerksbetrieb bei der Kohleverbrennung angereichert. Die Aufnahme der PAK Schadstoffe erfolgt durch die Nahrung und Trinkwasser, durch die Atmung der belasteten Luft über die Lunge sowie durch die Haut. Einige PAK sind beim Menschen eindeutig krebserzeugend. Die Folge: Baustopp. Ein neues Sanierungskonzept musste erarbeitet werden, sowohl zum Schutz der Dachhandwerker als auch dauerhaft für die Nutzer des Innenraums. Ein Spezial-Entsorgungsunternehmen wurde beauftragt, die Schadstoffe fachgerecht zu beseitigen.
Klaus Siepenkort und Jürgen Wildgrube