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Beim Aufdecken der alten Rautenschindeln von 1890 zeigte sich Zinkhydroxid auf der Holzschalung zur Wetterseite. Foto: Wolfgang Huber

Technik 2013-07-30T00:00:00Z Nasen gegen Flugschnee

Wurmlöcher im Gebälk, Risse im Dach – die alte Katharinenkirche in Reutlingen musste ­dringend saniert werden. Mit einem schlauen Konzept und der perfekten handwerklichen Umsetzung holte sich Flaschnermeister Wolfgang Huber den Sanierungspreis in der Kategorie Metall.

Es war schon ein schönes Stück Arbeit für Flaschnermeister Wolfgang Huber: Nicht nur die Schäden an der historischen Schindeldeckung durch Verwitterung und Sturm, sondern insbesondere die „Sanierungsversuche“ aus den vergangenen Jahren erforderten bereits bei der Entwicklung eines passenden Sanierungskonzepts viel Sachverstand. Zuvor erfolgte eine zeitaufwendige Bestandsaufnahme bzw. Schadenskartierung aller Dächer, Aufbauten und Dachentwässerungen der evangelischen Katharinenkirche. Die zweite Pfarrkirche Reutlingens wurde bereits 1555 erwähnt. 1887 erfolgte deren Rückbau und 1890 erbaute Bauinspektor Heinrich Dolmetsch die Kirche im Stile des Historismus neu. Mit Historismus bezeichnet man einen Baustil aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts, der auf ältere Stilrichtungen zurückgreift und diese nachahmt. Das Kirchengebäude ist heute bis auf einige kleinere Details nahezu in ihrem ursprünglichen Zustand von 1890 erhalten geblieben. Es liegt am alten Reutlinger Friedhof „Unter den Linden“ in der Rommelsbacher Straße 2.
Der Begriff „Schadenskartierung“ bedeutet für den Flaschnermeister und Denkmalschützer aus dem baden-württembergischen Kißlegg einen wahren Seilakt. Gemeinsam mit einem Industriekletterer besteigt er die Kirchtürme der Region. „Kranwageneinsätze sind bei großen Turmhöhen oft sehr kostspielig. Aufgrund der baulichen Gegebenheit kann der Autokran zudem nicht überall aufgestellt werden, so dass der schlüssige Zugang zu allen Dachbereichen nicht möglich ist. Aus diesem Grund ist die Klettertechnik eine wirtschaftliche Alternative, die eine präzise Bestandsaufnahme für die weitere Bauplanung und Abwicklung der Sanierungsaufgabe ermöglicht“, erklärt Wolfgang Huber.

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Zahlreiche Schindeln waren durch Rekristallisation versprödet, so dass Falze abrissen. Außerdem gab es viele Reparaturstellen, die nur provisorisch abgedichtet waren. Foto: Wolfgang Huber

Schlesische Zinkrauten

Die alte Deckung der Katharinenkirche besteht aus einer historischen Zinkrautendeckung. Die nach unten und nach oben gebogenen Falze wurden als Hohlfalze ausgebildet, wie sie in dieser Zeit üblich waren. Mit den Hohlfalzen ergeben sich einige Millimeter Abstand zur Holzschalung, so dass ein „belüfteter“ Zwischenraum zwischen der Holzschalung und der Metalldeckung besteht. Wenn durch die vielen Falze und offenen Ecken an den Spitzen der Rauten Niederschlagswasser oder Flugschnee in die Konstruktion gelangt, kann die Feuchtigkeit durch die „luftige“ Deckung schnell entweichen und die Konstruktion wieder trocknen. Die Rauten sind mit angelöteten Haften an der oberen Spitze und an den seitlichen Umfalzungen auf dem Untergrund befestigt. Das Eindringen von Flugschnee wird durch angelötete Nasen an den überdeckenden unteren Spitzen der Zinkrauten gebremst. Diese charakteristische Art bezeichnet man auch als „Schlesische Rautendeckung“. Die Rauten haben eine Deckbreite von 330 mm × 330 mm bei einer Blechdicke von 0,7 mm. Die Falzumkantungen betragen 25 mm. Verlegt wurden die Rauten auf einer 24 mm dicken Rauspundschalung ohne Trennlage. Insbesondere an der Nord- und Südseite des Kirchenschiffes und am Chor war die ursprüngliche Deckung aus dem Erbauungsjahr 1890 größtenteils erhalten. Nur an den obersten Enden der Zinkrauten mit den angelöteten Haften, die vollständig auf der Schalung aufliegen, war Zinkhydroxidbildung (Weißrost, Lochfraß) erkennbar. Auf der Holzschalung zeigten sich die weißen staubförmigen Ablagerungsprodukte. Der Hobbyhistoriker Huber fand bei der Recherche zur Schlesischen Deckung Interessantes heraus: „Im Jahre 1805 entdeckten die Engländer Charles Hobson und Charles Sylvester, dass Zink bei einer Temperatur von 150 °C einen solch hohen Grad von Geschmeidigkeit annimmt, das es sich zu Blech auswalzen lässt. Die anschließende Einführung des Paketwalzverfahrens eröffnete dem Metall neue Perspektiven, die auch von der seit Beginn des 19. Jahrhunderts im belgischen, rheinischen und schlesischen Raum sich entfaltenden Zinkindustrie aufgegriffen wurden. Die bedeutendsten Zinkerzeugungsstätten, die fast ausschließlich den Handel in Deutschland beherrschten, waren die beiden Gesellschaften Vieille Montagne mit Hüttenwerken im Rheinland und Belgien sowie die Aktiengesellschaft Lipine in Oberschlesien. Beide Blechhersteller fertigten Zinkrauten. Die schlesische Gesellschaft produzierte unter anderem ab 1877 im Werk Kalk bei Köln. Dort wurden auch die Dachelemente der Katharinenkirche hergestellt, daher kommt auch die Bezeichnung „Schlesische Rauten“. Zunächst war Zinkblech ausschließlich als Tafelmaterial in den Abmessungen (in m) 0,65 × 2,00/0,80 × 2,00/1,00 × 2,00 und 1,00 × 2,5 in 26 Nummern für die verschiedenen Blechdicken im Handel verfügbar (vgl.: Der praktische Klempner, Haentschel – Clairmont, 1907/Der praktische Klempner, Kallenbach, 1916). Erst um 1930 hatten Klempner die Möglichkeit, vom Band zu produzieren.

Klaus Siepenkort, Wolfgang Huber

Den ausführlichen Artikel lesen Sie in Ausgabe klempner magazin 05.2013.

zuletzt editiert am 15. April 2021
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