Das Bild zeigt die Erlebniswelt Dampflok in Meiningen mit einem markanten Uhrturm im Hintergrund.
Nach langjähriger Planung und fast vierjähriger Bauzeit eröffnete die Stadt Meiningen ihre Dampflok Erlebniswelt. Der ehemals baufällige Dachreiter zeigt wieder exakt, was die Uhr geschlagen hat. (Quelle: Michael Messerschmidt)

Technik 2026-01-08T10:27:57.852Z Geschweißte Gehrungen, durchgesetzte Falze

Denkmalschutz: Die neue Dampflok Erlebniswelt im denkmalgeschützten Bahngebäude von Meinigen krönte Klempnermeister Michael Messerschmidt mit einem besonderen Schmuckstück – pünktlich und auf die Minute. Der ehemals baufällige Dachreiter zeigt wieder exakt und im neuen Glanz, was die Uhr geschlagen hat.

Nach langjähriger Planung und fast vierjähriger Bauzeit eröffnete die Stadt Meiningen im ehemaligen, denkmalgeschützten Kantinengebäude des „RAW“ ihre Dampflok Erlebniswelt und wird somit ihrem Kulturerbe gerecht. Das moderne Technik-Museum macht bei einer Reihe von interaktiven Mitmach- und Medienstationen die Funktionsweise und die Antriebe von Dampflokomotiven erlebbar. Doch um das sanierungsbedürftige Gebäude in ein Museum zu verwandeln, gab es für die Bauhandwerker jede Menge Arbeit – besonders am Dach.

Eine Timeline für den Uhrenturm

Zuständig für das bekrönende Schmuckstück auf dem First des Biberschwanzdaches war Klempnermeister Michael Messerschmidt aus dem nahegelegenen Fambach. Der Spezialist für die Herstellung von Bauornamenten hatte die Aufgabe, den rund 110 Jahre alten mit Kupfer bekleideten Uhrenturm vollständig zu erneuern. Aufgrund der maroden Holzkonstruktion und zerstörter Kupferbekleidungen war eine Reparatur weder technisch sinnvoll noch wirtschaftlich realisierbar.

Ein Uhrturm mit grünem Dach auf einem Gebäude mit roten Ziegeln unter einem klaren blauen Himmel.
Aufgrund der maroden Holzkonstruktion und irreparabler Kupferbekleidungen war eine Reparatur des Uhrenturms weder technisch sinnvoll noch wirtschaftlich realisierbar. (Quelle: Michael Messerschmidt)

Nach eingehender Prüfung des Uhrenturms und mit ihrem weitreichenden Erfahrungsschatz ermittelte das Team Messerschmidt den passenden Workflow zur termingerechten Bauausführung. Das war nötig, denn Vorgabe für die Fertigstellung war der sportliche Zeitraum von exakt zwei Monaten.

Damals kam kostspieliges Kupferblech zur Ausführung

Michael Messerschmidt schildert den Zustand des alten Uhrturmes wie folgt: „Die Unterkonstruktion bestand aus einem zimmerermäßig hergestellten Holztragwerk, deren Rundungen mit einer Holzschalung aus Leisten ausgeführt war. Die Verbindungen waren gezapft und mit Stahlnägeln fixiert. Die Tafeldeckung aus Kupfer erfolgte mit liegend ausgeführten Einfachfalzen. Diese Art der Deckung war um 1900 üblich und wurde vermutlich vom ortsansässigen Kupferschmied ausgeführt. Üblich war die Verarbeitung von preiswertem Zink.

Ein Kran hebt ein historisches Turmdach an, das auf einer Holzplattform gesichert ist.
Am 3. Juli 2023 wurde der Turm per Mobilkran auf einen Anhänger verladen und als Modell für den fachgerechten Nachbau zur Firma Messerschmidt nach Fambach transportiert. (Quelle: Michael Messerschmidt)

Wahrscheinlich war der Uhrenturm von besonderer Bedeutung, sodass zu der Zeit kostspieliges Kupferblech zur Ausführung kam. Die Scharenbreite betrug im Bereich der Kuppel bis 930 mm. Die Längs- und Querfalze waren in den Kreuzungspunkten verlötet. Auf versetzte Ausführung der Falze wurde nicht geachtet, was zu Rissbildungen und Wassereinbrüchen führte. Es wurden Festhafte aus verzinntem Stahl, sogenanntem Weißblech, verwendet. Diese wurden mit Drahtnägeln auf der Verschalung fixiert. Bei direkten sichtbaren Verbindungen wurden Kupfernägel eingesetzt. Das Rundbogengesims über den Uhrenblättern war aus mehreren Teilen und direkt auf der Holzunterkonstruktion befestigt. Das Gesims wurde in Handarbeit mit selbst angefertigten Formen, vermutlich aus Holz, hergestellt. Viele Verbindungen waren recht grob im Weichlötverfahren ausgeführt und vielfach undicht. Die Flächen im Bereich der Zifferblätter waren mit nicht ausreichend regendichten Liegefalzen verbunden, wie sich nach der Demontage an der Holzkonstruktion zeigte. Aufgrund der vielen undichten Stellen hatte die gesamte Holzkonstruktion erheblichen Schaden genommen. Das Deckungssystem bot zudem bei den heutigen Witterungsverhältnissen zu wenig Standsicherheit, sodass eine vollständige Neukonstruktion erforderliche wurde. Die Bauaufgabe für uns war, den Uhrenturm originalgetreu zu rekonstruieren, die Formgebung nach bauzeitlichem Vorbild beizubehalten, jedoch gleichzeitig gemäß dem heutigen technischen Stand und aktuellen Regelwerken anzupassen.“

Eine technische Zeichnung eines Turmaufsatzes mit detaillierten Maßen und Notizen.
Die Zeichnung bildet die erste Bestandaufnahme der Baukonstruktion ab. Hier sind beispielsweise die Trennstellen für die Demontage des alten Uhrenturms markiert. (Quelle: Michael Messerschmidt)

Um den eng gesteckten Zeitrahmen einzuhalten, musste jeder Arbeitsschritt exakt geplant und die zugehörigen Gewerke Dachdecker, Zimmerer und Klempner/Spengler aufeinander abgestimmt sein. Hierzu wurden entsprechende Lose vergeben.

Im Juli 2023 erfolgte die Trennung des Uhrenturmes von der Dachkonstruktion gemäß den Vorgaben der Statik. Hierzu mussten zuvor einige Baubeschläge zur Stabilisierung an vorgegeben Trennpunkten fixiert werden. Per Mobilkran wurde der Turm abgehoben, auf einen Anhänger verladen und als Modell für den fachgerechten Nachbau zur Firma Messerschmidt nach Fambach transportiert.

Nachbau verschiedener Ornamente

In der Ornamentwerkstatt waren bereits alle Vorbereitungen für die Erstellung des Uhrenturms getroffen: das Fachpersonal eingeteilt und Werkzeug- und Maschinenkapazitäten freigestellt. Zunächst kümmerte sich ein Team um die maßgerechte Erneuerung der Turmkonstruktion, während ein anderes sich mit dem Nachbau verschiedener Ornamente beschäftigte. Für den Neuaufbau kam im nicht sichtbaren Bereich hoch belastbares Konstruktionsvollholz (KVH -NSi C24) in verschieden Abmessungen zum Einsatz und im Bereich der Fronten dreischichtige Naturholzplatten. Die Verschalung der Haube erfolgte aus 30 mm Fichtenholzleisten, sämtliche Befestigungsmittel sind aus korrosionsbeständigem Edelstahl. „Die Blecharbeiten an der neuen Uhrenturmkonstruktion starteten mit der Abdeckung des Sockels – also dem Übergang zur Biberschwanzdeckung. Das Profil ist außen mittels Vorstoßstreifen gesichert und in der hinteren Aufkantung am Rahmenholz befestigt. Die Nähte der Gehrungen und Pfosteneinfassungen - sowie alle anderen Gerungen der Ornamente auch - sind im WIG-Schweißverfahren zusammengefügt“, berichtet Michael Messerschmidt. „Die flächige Bekleidung rund um die Uhrenrahmen sind mit Falzen verbunden und mit Haftleisten am Holz befestigt. Die Falze haben wir nach innen durchgesetzt und somit an der Vorderseite eine durchgehende, homogene Fläche erzielt.“

Eckpfostenbekleidungen mit Falzen, Wulsten und Hohlkehlen geformt

Die erhabenen Eckpfostenbekleidungen sind mit Falzen, Wulsten und Hohlkehlen geformt, und regendicht an die Sockelprofile sowie an das geschwungene Gesims oberhalb der Uhren angeschlossen. Die Zierrosetten der flächigen Uhrenrahmen erstellten die Spengler nach bauzeitlichem Vorbild in Form einer achtblättrigen Blume. Dreigliedrige Tulpenreihen mit je drei Halbkugeln sowie erhabene Mäander mit umlaufendem aufgesetztem Rahmen zieren die vier Pfosteneinfassungen. „Diese Elemente haben wir vom Original abgescannt und digitalisiert. Das digitale Modell diente zur Herstellung der Drückformen für den Nachbau aus Kupferblech. Die Bleche haben wir vor der Umformung ausgeglüht. Man kann auch werkseitiges Weichkupfer bekommen, dies ist jedoch sehr teuer“, ergänzt Michael Messerschmidt. „Die vier Rundbogengesimse oberhalb der Uhren waren die kompliziertesten Ornamente. Sie bestehen aus dreiteiligen ein- und ausgeschwungenen, teilweise gerundeten Untersichten und Abdeckungen einschließlich Kehlenanschluss an die eigentliche Turmdeckung. Sie sind mit rückseitigen Aussteifungsstreifen versehen und über Eck miteinander per WIG-Schweißung verbunden.“
Die Traufausbildung der geschwungenen Turmdeckung erfolgte mit einer Wulst und Einhangstreifen und ist regendichter Übergang zum Rundgesims. Der obere Anschluss der Turmdeckung erfolgte mit entsprechenden Rückfalzen sicher gegen Treibwasser- und Flugschnee. Die abschließende Turmbekrönung besteht aus unterem Konus, Kugelhochoval mit Rundwulst und einer Zierwulst unterhalb der Kugel. Bekrönung und Turmdeckung sind aufgrund der unterschiedlichen Bewegungen bei Temperaturwechsel und Starkwind voneinander getrennt.

Ein Statement für das Handwerk

Mit einem perfekten Ablaufplan, viel Erfahrung und Spezialwissen im Formen und Fügen von Blechen sowie einer technischen Vollausstattung hielt das Team Messerschmidt den Zeitrahmen zur Fertigstellung punktgenau ein. Am 31.08.2023 transportierte der Firmenchef persönlich und bei bestem Klempnerwetter den noch glänzenden neuen „alten“ Turm zur Baustelle. Da dieser Termin gleichzeigt mit dem Richtfest verbunden wurde, konnte auf den Richtkranz wahrlich verzichtet werden. Somit war Michael Messerschmidt auch verantwortlich für den Richtspruch – den er mit Bedacht um Botschaften für das Klempner-/Spenglerhandwerk ergänzte. Dem Festakt wohnten Meiningens Bürgermeister Fabian Giesder, Jürgen Eichhorn, Mitglied im Kuratorium der Dampflok-Erlebniswelt und damaliger Leiter der DB-Instandhaltung sowie Vertreter der Baufirmen und Planungsbüros bei. Hier ein Auszug und gleichzeitig sein Statement für das Handwerk: „Zuallererst möchte ich meinem Team danken, das in den letzten Wochen alles gegeben hat, um dem alten Uhrenturm des Dampflokwerkes in Meiningen wieder neues und langes Leben einzuhauchen. Nicht nur die lange Planungsphase, sondern auch Zeiten, in denen es immer weniger Menschen gibt, die sich für das Handwerk begeistern, haben dieses Projekt, wie auch vorherige, zu einer Herausforderung gemacht. Die Fertigstellung und Sanierung des alten Wahrzeichens des Dampflockwerkes ist mehr als nur ein Teil des Gebäudes, sie sind ein Symbol für die Tradition und die Handwerkskunst. Gerade in Zeiten des Wandels, in denen die Digitalisierung sowie die Förderung und der Ausbau von Großbetrieben und Industrie immer größere Dimensionen annimmt, müssen wir darauf aufmerksam machen, dass das Handwerk immer mehr an Bedeutung verliert. Wir benötigen mehr Unterstützung und Wertschätzung für das deutsche Handwerk, damit es nicht weiterhin von den Entscheidungen der Politik übergangen wird. Es ist an der Zeit, dass sich die Politik wieder auf das Handwerk konzentriert und die Bedeutung für unsere Gesellschaft erkennt.“ Michael Messerschmidt wurde im Sommer 2025 zum Bundesfachgruppe Klempnertechnik im ZVSHK gewählt. Sein Ziel: Der Klempnerberuf muss wieder die erste Berufswahl für Auszubildende werden.

Das Projekt Dampflok Erlebniswelt wurde im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ durch die Bundesrepublik Deutschland und den Freistaat Thüringen gefördert. Die Sanierung, der Umbau sowie für die Ausstellung und Ausstattung mit ihren interaktiven Elementen kostete rund 17 Millionen Euro.

Weitere Informationen:
www.metallrestaurierungen.de

zuletzt editiert am 13. Januar 2026