Denkmalschutz: Der markante Glockenturm der Hauptkirche St. Johannis bestimmte 1000 Jahre lang die Silhouette von Ellrich, bis er nach einem ein Blitzschlag 1907 abrannte. Knapp 120 Jahre später leuchten die Zwillingstürme im metallischen Patinagrün wieder weit in den Südharz.
Die wechselvolle Geschichte der heutigen dreischiffigen Hallenkirche im thüringischen Ellrich geht auf das Jahr 950 zurück, als Königin Mathilde, die Witwe des Königs Heinrich I., den Bau veranlasste. Die Kirche fiel mehrfach Stadtbränden zum Opfer und wurde immer wieder aufgebaut, zuletzt 1860. Bei einem Blitzschlag am 12. Juni 1907 wurde das Gotteshaus erneut stark beschädigt und der Kirchturm brannte nieder. Auch das Kirchenschiff wurde in Mitleidenschaft gezogen. Fehler beim Wiederaufbau veranlassten die Behörden, das Gotteshaus zu sperren. 1990 wurden die Türme dann bis auf die vorhandenen Turmreste abgerissen und ab 1991 erfolgte die Sanierung der Kirchenschiffe. Die Wiedereinweihung des denkmalgeschützten Kirchenbauwerks erfolge 2008. Mittlerweile dient die St. Johanniskirche unweit der ehemaligen innerdeutschen Grenze als Tourismuszentrum und Ort für kulturelle Veranstaltungen und seit 2025 im ursprünglichen Stil - mit neuen Zwillingstürmen.
Um dieses jahrhundertalte Wahrzeichen wiederzubeleben, gründeten Mitglieder der Gemeinde und darüber hinaus den Förderverein „Wiederaufbau Glockenturm“, mit Erfolg: Für den Wiederaufbau des Turms überreichte Ministerpräsident Bodo Ramelow dem Kirchenbauverein 2021 einen Zuwendungsbescheid über 3,1 Millionen Euro aus „PMO-Mitteln“. Diese Mittel stammen aus dem Vermögen der Parteien- und Massenorganisationen der ehemaligen DDR, das nach der Wiedervereinigung durch die Treuhandanstalt verwaltet wurde. Der Verein unterstützte Initiativen und Planungen, die den Aufbau und die Erhaltung des Kirchengebäudes vorangetrieben hatten und arbeitete mit allen Organisationen sowie den zuständigen staatlichen/kirchlichen Stellen zusammen – alles ehrenamtlich.
Aussichtsplattform mit Glockenstuhl
Mit dem Wiederaufbau des Glockenturmes mit seinen markanten Zwillingstürmen und der funktionalen Erweiterung des Kirchenschiffes erhielt das Erfurter Architekturbüro SMITS + TANDLER eine sehr anspruchsvolle Bauaufgabe. In den Türmen sollte eine Aussichtsplattform mit Glockenstuhl entstehen, im Innenraum der Kirche mussten Veranstaltungs- und Vereinsräume sowie Ausstellungsflächen für ein neues Tourismuszentrum geschaffen werden. Hierzu berichtet Architektin Elisabeth Schmidt von SMITS + TANDLER: „Die Besonderheit bei der Umsetzung dieses Projektes war die Verbindung von historischer Wiederherstellung, moderner Architektur und neuer Nutzung. Die Kirchtürme sollten einerseits nach historischem Vorbild wieder aufgebaut werden, gleichzeitig galt es, moderne Baumaterialien und Bauweisen einzusetzen. Herausfordernd war die Sanierung der historischen Bausubstanz, da eine frühere unsachgemäße Instandsetzung mit Zementmörtel zu starken Schäden am Mauerwerk durch Gipsausblühungen geführt hatte. Die verbliebene Bausubstanz musste daher nach der politischen Wende zunächst gesichert und anschließend sorgfältig saniert werden. Beim Wiederaufbau der Türme wurde zudem eine moderne Bauweise mit Fertigteilelementen umgesetzt. Die Fassaden wurden mit Waschbetonelementen gestaltet, wodurch eine zeitgemäße, langlebige Wandkonstruktion entstand, die sich durch ihre Oberfläche in Textur und Farbigkeit dem Natursteinmauerwerk der Kirche anpasst. Die Fertigteile und Waschbetonfassaden ermöglichten zudem eine präzise und zeitsparende Bauweise sowie eine hohe Dauerhaftigkeit und Witterungsbeständigkeit. Was nicht zu sehen ist: Der Kirchturm ist statisch abgekoppelt vom Kirchenschiff, zwar nur wenige Millimeter, aber tatsächlich ist er freistehend – eine weitere Besonderheit dieses Baukörpers.“
Stehfalzdeckung aus Aluminium in Patina-Grün
Eine Vorgabe war, auch für das Dach moderne, langlebige und konstruktiv zuverlässige Materialien einzusetzen, die sich gleichzeitig gestalterisch in das historische Umfeld der Kirche einfügen. SMITS + TANDLER wählten hierfür eine besondere Lösung aus Massivholzelementen mit einer Stehfalzdeckung aus Aluminium in Patina-Grün. Die Kombination verbindet eine moderne und stabile Dachkonstruktion mit einer langlebigen Deckung für alle Witterungsbedingungen. Die Verwendung dieser Materialien bietet Vorteile gegenüber alternativen Lösungen. Zudem fügt sich die grüne Oberfläche optisch harmonisch in das historische Erscheinungsbild der Kirche ein.

Viele Details an der Turmtraufe
Bei den achteckigen Turmhelmen ist ihr modularer Aufbau an den horizontalen ringförmigen „Verbindungsnuten“ der Massivholzkonstruktion erkennbar. Sie wurden von der Zimmereifirma antignum Holzbau aus vier Elementen gefertigt, mit je etwa sechs Metern Höhe: drei für die Turmspitze und eines für den Turmsockel mit quadratischem Grundriss. Den Auftrag für die Turmdeckungen erhielt der Klempner-Fachbetrieb Peter Großmann & Sohn GbR aus dem nahegelegenen Nordhausen. Das Familienunternehmen mit sechs Mitarbeitern ist auch Ausbildungsbetrieb und verfügt über eine voll ausgestattete Klempnerwerkstatt mit allem, was man für die Blechbearbeitung benötigt. Auf Klempnermeister und Geschäftsführer Jens Großmann kam damit eine filigrane Aufgabe zu, die sein besonderes handwerkliches Geschick forderte: „Die klempnertechnisch aufwendigsten Segmente waren die Turmsockel der Zwillingstürme. Hier trafen die Turmspitzen und acht Spitzgiebel zusammen und somit eine Vielzahl an Verwahrungen und Anschlüssen auf engstem Raum. Allein durch den Werkstoff Aluminium haben wir alle Profile und Anschlüsse in handwerklicher Falztechnik ausgeführt – bei Kupfer oder Zink wäre das eine oder andere Detail auch genietet und gelötet worden. Für unsere Auszubildenden waren die Arbeiten am Turm deshalb der perfekte Falzlehrgang.“

Schadlos dehnen, sturmsicher fixieren
Bei der Planung der Turmdeckung wurde besonderes Augenmerk auf zwei Dinge gelegt: Die zwängungsfreien Dehnungsbewegungen aller Scharen und Profile und die sturmsichere Befestigung mit Fest und Schiebehaften. Anstelle von Doppelstehfalzen an den Graten der Türme führte das Team Großmann mit Gratleisten aus. Somit sind die einzelnen Dachflächen voneinander dehnungstechnisch entkoppelt. Hierzu erklärt der Klempnermeister: „Durch die Segmentierung der Turmkonstruktion haben wir nur sechs Meter lange Scharen, die in den traufenähnlich ausgebildeten ringförmigen Nuten problemlos nach unten schieben können. Ebenso haben wir große Profillängen vermieden und beispielsweise an den Giebeln kleinteilige Ortgangabdeckungen ca. 40 x 40 cm verlegt. Die Scharbreiten haben wir reduziert, um mehr Dehnungsspielräume in Querrichtung zu erzielen und eine größere Anzahl an Befestigungselementen in die Falze integrieren zu können. Ein Nebeneffekt ist, dass sich mit der kleinen Scharbreite um die 40 cm auch die Eigenstatik der Deckung verbessert und damit auch die Windsogsicherheit.“
Fazit: Architektur und Handwerk im Einklang
Der Wiederaufbau der St.-Johanniskirche lebt von der mutigen und doch behutsamen Architektur mit handwerklicher Präzision. Die filigrane Aluminiumdeckung der Zwillingstürme, ausgeführt in traditioneller Falztechnik mit durchdachten Dehnungs- und Befestigungslösungen, verbindet historische Anmutung mit langlebiger Baukunst.
Weitere Informationen:
www.johanniskirche-ellrich.de



