Das Foto zeigt eine schön gestaltete Fassade.
Hinter dieser schicken Fassade ohne störenden Dachüberstand befindet sich die rund 135 m² große, barrierefreie Wohnung der Hauseigentümerin. Die wechselnden Scharbreiten erzeugen eine Art Strichcode. (Quelle: PREFA | Croce & Wir)

Wissen 2023-12-12T09:12:16.093Z Der schwebende Bungalow 

Die gesamte Gebäudehülle aus Metall? In Bad Münstereifel ist dies ungewöhnlich für ein Wohngebäude, denn dort prägen eher Ziegeldeckungen die Dachlandschaften. Doch Architekt und Klempner-Fachbetrieb überraschten die Bauherrin mit einer einmaligen Gestaltungsidee.

Ein „Haus am Hang“ klingt nicht nur wunderschön, das ist es auch. Besonders wenn es so gebaut wird, wie das schicke Wohnhaus in Bad Münstereifel. Die 18.000 Einwohner zählende Stadt liegt rund 30 Kilometer südwestlich von Bonn. Sie erstreckt sich mit ihren 57 Ortsteilen über Höhen von 200 bis 580 Meter, sodass sich viele Wohngebiete in Hanglagen befinden. Baugrundstücke am Hang können, anders als in der Ebene, wunderbare Aussichten erschließen. Sie ermöglichen eine kreative Gestaltung des Außengeländes und bieten viele Nutzungsmöglichkeiten für das Untergeschoss. Allerdings ergeben sich für den Architekten auch viele Herausforderungen. In den Hang hinein gebaute Häuser haben bei recht konstanter Bodentemperatur weniger Wärmeverluste, jedoch müssen die im Erdreich errichteten Außenwände mit einem sehr gut funktionierenden Abdichtungs- und Drainagesystem vor Feuchtigkeit geschützt sein. Probleme können sich zudem bei der Herstellung des Fundaments und komplizierten Erdarbeiten ergeben. Aufgrund der geografischen, oft exponierten Lage müssen bei der Planung der Dach- und Fassadensysteme auch die örtlichen Windverhältnisse und Regenspenden einbezogen werden.

Kreativ gestalten, Großes verkleinern

Mit all diesen Fragestellungen des zu errichtenden Wohngebäudes wurde das Architekturbüro architom Thomas Buderath aus Euskirchen betraut. Zu den Tätigkeitsschwerpunkten des Teams Buderath zählen Wohnungsbau, Industriebauten, bis hin zu Büro- und landwirtschaftlichen Gebäuden: „Ein Haus in Hanglage bedeutet für uns zwar immer einen höheren Planungsaufwand, dafür bietet es viele kreative Möglichkeiten bei der architektonischen Gestaltung. Anspruchsvoll war bei dem Haus in Bad Münstereifel zum einen die Umsetzung der gewünschten Barrierefreiheit. Zum anderen sollte das Gebäude auf dem ansteigenden Eckgrundstück nicht so riesig wirken, insbesondere an der zweigeschossigen Talseitenansicht“, erklärt die Architektin Emmanuelle Schroeteler. An dieser Seite liegt auch der Zugang zur Einliegerwohnung. Durch einen architektonisch geschickt angeordneten Rücksprung des Untergeschosses gelang es architom, die massige Struktur des Gebäudes aufzulösen. Unterstützt wird dieser Effekt durch unterschiedlich gestaltete Außenwände. Während die zwei Außenwände des Untergeschosses einen weißen Putz erhielten, sorgt das darauf „schwebende“ Obergeschoss mit einer hellbronzefarbenen Metallfassade für den effektvollen Kontrast. Hinter dieser Fassade befindet sich die rund 120 m² große, barrierefreie Wohnung der Hauseigentümerin. Lediglich eine Treppe führt in das Untergeschoss mit Haustechnik- und Gästeraum. Die Wohnung wird von der recht steil ansteigenden Seitenstraße aus erreicht. Am Ende der Hauszufahrt befindet sich der Garagenanbau.

Fassade mit Farbenspiel

Typisch für das Wohnviertel sind die behördlich vorgeschriebenen Satteldachkonstruktionen. Bei der Wahl des geeigneten Dachsystems und der passenden Außenwandbekleidung, bezog der Architekt schon sehr früh den Gebäudehüllenspezialisten Elmar Stoll in seine Planungen ein. Der Experte ist Inhaber des 2002 von ihm gegründeten Handwerksbetriebes Stoll Dachbau. Das Unternehmen ist in der Region bekannt für die Entwicklung und Umsetzung komplexer Dach- und Fassadenkonstruktionen.
„Nachdem der Rohbau und die barrierefreie Innenarchitektur gestaltet waren, galt es, sowohl die technischen Anforderungen als auch das Design der Außenhülle in Einklang zu bringen. Für die Dach- und Fassadengestaltung haben wir zunächst verschiedene Konstruktions- und Oberflächenvarianten auf Grundlage des Rohbaus visualisiert“, schildert Thomas Buderath. Da die Bauherrin bereits bei der Innenarchitektur ihre Affinität zu modernem Design zeigte, präsentierte Elmar Stoll verschiedene Spielarten der Dach- und Fassadengestaltung mit Metall. Die Entscheidung fiel letztendlich zugunsten einer Winkelstehfalzbekleidung aus Aluminium mit lichtbronzener Farbbeschichtung. „Die Besonderheit hierbei ist die unregelmäßige Anordnung der vertikalen Winkelstehfalzverbindungen. Die wechselnden Scharbreiten von 77 bis 430 mm erzeugen eine Art Strichcode“, beschreibt Elmar Stoll und ergänzt: „Ein weiterer optischer Effekt entsteht durch die konturierenden Falzverbindungen. Je nach Sonnenstand zeigt die Fassade durch den Wechsel von Licht und Schatten ein lebendiges Farbenspiel.“

Das aktivierte Dach

Die Dachlandschaften in Bad Münstereifel sind geprägt von typischen Dachstein- und Ziegeldeckungen mit dunkelgrauer bis schwarzer Oberfläche. Auf Empfehlung von Elmar Stoll entschieden sich Architekt und Bauherrin jedoch für eine bauphysikalisch sichere, hinterlüftete Metalldachkonstruktion mit vollflächiger Dachschalung und einer robusten Trennlage als Notdeckung. Somit erhielt das schicke Haus am Hang eine kleinteilige Deckung aus anthrazitfarbenen Prefa Aluminium-Dachplatten im Stile des Wohnumfeldes. Die spezielle Lackqualität P10 beschreibt eine nicht sichtbare Faltenstruktur im Lack. Sie sorgt für Kleinstreflexionen und damit für ein matt-edles Erscheinungsbild der Oberfläche. „Aus technischer Sicht gilt die Dachplatte R.16 mit 70 cm Elementlänge und 42 cm Elementbreite aufgrund der direkten Fixierung auf der Dachschalung und ihrer Falzverbindungstechnik als regen- und sturmsicher. Bei nur 2,5 kg/m² bietet sie zudem statische Reserven, was uns insbesondere bei Dachsanierungen oft weiterhilft“, erklärt Elmar Stoll. Ein weiterer Vorteil der Deckung war, dass dem Dachdeckermeister hiermit auch eine statisch sichere Installation von Solarmodulen ermöglicht wurde. Das Dach konnte sozusagen „Solar-Ready“ übergeben werden.

Da in der Region bei winterlicher Witterung immer wieder mit starken Schneefällen gerechnet werden muss, ist mit jeder Dachplatte auch ein Schneestopper eingebaut worden – an den untersten zwei Plattenreihen, je zwei Stopper Stück pro Platte. Somit funktioniert das Dachsystem wie eine Schneeverbauung, die unkontrolliertes Abrutschen der Schneelasten in und über die Rinnen hinaus verhindert.

Auf die Details kommt es an

Nur durchdachte und handwerklich präzise Detailausarbeitungen ergeben ein hochwertiges Gesamtbild der Gebäudehülle aus Metall. Das weiß auch Elmar Stoll und hat deshalb auch nichts dem Zufall überlassen. In Zusammenarbeit mit Architekt Thomas Buderath skizzierte er sämtliche Fensteranschlüsse, Fassadenfußpunkte und -eckausbildungen. Um dem Gebäude die gewünschte Kontur zu verleihen, sollten die Übergänge von der Fassade zum Dach ohne die üblichen Dachüberstände erfolgen. So sorgt jetzt eine von außen nicht sichtbare, innen liegende Traufenrinne mit Notentwässerung für die sichere Ableitung des Niederschlagswassers. In der Rinnenkonstruktion sind auch alle Be- und Entlüftungsöffnungen für Dach und Fassade untergebracht. Tiefgelegte Ortgangrinnen bilden den Übergang von der Dachdeckung zu den Giebelwandbekleidungen. Somit ist auch der zurückspringende schlanke „Jetlüfter“ der Firstentlüftung von außen nicht sichtbar.

Jede Schar ein Unikat

Ein besonders hoher Aufwand ergab sich bei der Umsetzung der grob vorgegebenen Scharaufteilung an den Fassadenflächen. Hierzu schildert Elmar Stoll: „Unverrückbare Orientierungspunkte waren für uns die seitlichen Fensterleibungen. Alle Felder zwischen den Fenstern starten oder enden hier mit einem unterdeckenden Winkelfalz (auch Nagelfalz). Somit konnten die Leibungsprofile überall problemlos aufgesteckt und eingefalzt werden. Auch die Fensterbänke schließen bündig mit dem Winkelfalz ab. Die ‚wilde‘ Aufteilung der Schare erfolgte ober- und unterhalb sowie zwischen den Fenstern. Dabei mussten wir die Deckbreiten so gestalten, dass wir möglichst wenig Verschnitt produzieren. Nahezu jede Schar, die wir in unserer Klempnerwerkstatt hergestellt haben, ist deshalb ein Unikat.“

Zu guter Letzt entschied sich die Bauherrin zur Installation einer 11,5 kWp Solaranlage mit 37 Photovoltaikmodulen einschließlich Akku-Speicherpaket. In Zusammenarbeit mit dem Solarteur installierte die Firma Stoll Dachbau die systemkompatiblen Solarhalter einschließlich der Tragschienen für die Solarmodule.

„Für dieses Projekt, das kann ich wirklich so sagen, war Elmar Stoll über eine lange Strecke fester Bestandteil bei uns im Planungsteam. Zusammen mit der entscheidungsfreudigen Bauherrin und ihrer Freude an schönem Design ist ein einmalig schönes Projekt entstanden“, freut sich Architekt Thomas Buderath.

zuletzt editiert am 10. Januar 2024
Newsletter